Strafzettel

O’zapft is!

Der erste Strafzettel der Saison, verwirrte Torhüter und ein Vergleich zwischen Äpfeln und Polizeibirnen ...

Alles ist wie jedes Jahr: Am letzten Märzwochenende werden die Uhren auf Sommerzeit umgestellt, es schneit, und es finden die Berliner Motorrad Tage statt. Zugegeben, der Schnee während der BMT war schon heftiger als bei dieser 19. Durchführung 2011. Ein paar Flocken Samstagmorgen können nicht wirklich schocken, bloß der Nebel kriecht durch die Belstaff-Poren während der Anreise zur Hauptstadt. Doch fröhliche Frühlingsgefühle sind geweckt, wenn die Zugvögel zurückkehren und die Starenkästen gepflanzt werden. Noch vorm Ortsschild begrüßt mich herzlich der erste Heckenschütze, jedoch umsonst kibitzt, denn selbst bei weit geöffneter Drosselklappe kratzt mein Falke nur marginal die 100 km/h, ohne sich aufzuamseln. Die zweite Staffel lauert ebenfalls vergebens darauf, dass mein vibrationsfreies Reisetempo von 85 km/h rechtswidrig wäre. Der dritte Sheriff hat die Radarpistole mit leuchtendem Warnjäckchen im Anschlag, so dass er von weitem selbst mit 40 Jahre alten Trommeln ausgebremst werden kann. Erst die vierte Verteidigungslinie stoppt mich im Straßenkampf – der Untergang. Mit gefährlichen 68 km/h verweist man mich der Autobahn A 111. Erlaubt sind nur 60, doch den Autofahrer, der mich gerade überholt hat, lässt man unbehelligt passieren.

Als Begleitschutz bis zur Ausfahrt folgt mir ein Markenkollege auf Moto Guzzi Norge 850, die seit einigen Jahren in Berlin gefahren werden muss. Ja, sie muss, das verlangt europäisches Recht. Wieso das so ist, weiß ich nicht wirklich, es hat irgendwas mit kostengünstig zu tun. So finde ich den Zwangsstopp zweifach unterhaltsam. Denn erstens hatte ich niemals damit gerechnet, je mit der Guzzi Falcone auf einer deutschen Autobahn wegen überhöhter Geschwindigkeit verwarnt zu werden. Das Ticket ist jetzt so etwas wie ’ne Trophäe. Und zweitens kann ich mit der Streckenkontrolle über deren Guzzis schnacken und erfahre unter anderem, dass sie für Eskorten nicht geeignet sind, weil sie trotz nachträglich verbauter zweiter Batterie nicht ausreichend unter Strom stehen für den ganzen Elektroladen. Wenn alles gleichzeitig betrieben wird, geht die Polizei-Norge nach ein paar Kilometern aus. Ist das nicht goldig? Das hatten schon die T3-Californias in den 1970ern, die Italiener pflegen halt ihre Traditionen.
Einer der Buletten im Auto, der die gestoppte Motorradmasse abzufertigen hilft, ärgert sich wohl, dass ich mich nicht recht ärgere. Also zückt er seinen hoheitlichen Stift und klopft die Speichen ab. Herrje, du armer Bub, was willste denn da rausfinden? Ob sie mit dem richtigen Drehmoment angezogen sind? An meinen in Deutschland nicht zulässigen Blinkern direkt oberhalb seiner gebeugten Beamtenstirn hätte er mehr Freude, wenn er so ein Experte wäre, wie er tut. Damit er mir Bürger doch noch zu Diensten sein kann, frage ich ihn nach der Uhrzeit, denn ich bin auf der Messe verabredet. Er ergänzt die Uhrzeit nach seiner gescheiterten Speichenkontrolle mit dem Mahnungsversuch: „Einen neuen Helm sollten Sie sich aber mal kaufen!” „Der ist neu. Es gibt noch Jethelme zu kaufen, von Davida sogar mit ECE.” Er weiß weder, was er sagen, noch wie er gucken soll, und ich mache mich mit meinem Gaul vom Acker.

Am Messegelände wissen die Torhüter ebenfalls nicht, was sie machen sollen: Als Journalist müsste ich zu Eingang A, als Motorradfahrer bei Eingang B einfahren. Dass ein Motorradjournalist zur Motorradmesse mit Motorrad kommt, ist ein statistischer Ausnahmefall und so wenig eingeplant, wie ein Störfall im AKW. In der Tat zähle ich mit Zonko vom österreichischen „Reitwagen” oder Jo Soppa von „MO” zu den wenigen Kollegen, die aus innerer Überzeugung Motorrad fahren. Der Wachmann löst das Problem entgegen der Vorschrift, aber sinnvoll pragmatisch: „Fahr’ rein und hol’ dir danach die Pressekarte.” Ich tu, wie mir geheißen und bin zur Verabredung pünktlich.


Im Folgenden unterhalten wir uns auch darüber, warum die Berliner Polizei Moto Guzzi fahren muss, trotz des heimatlichen Spandauer BMW-Werks. Wieso wohl die Polizia der Provinzen Milano und Lecco BMW fährt, obwohl das Moto Guzzi Werk direkt vor ihrer Nase liegt. Weshalb die deutsche Polizei sukzessive auf kühles Blau umrüstet, während ich beim letzten Italienbesuch feststellte, dass die neuen Fahrzeuge der Policia Municipale statt im traditionellen Blau neuerdings in grün-weiß lackiert sind, wie früher die deutschen. Tja, wieso? Wirkt hier der Zweite Satz der Thermodynamik, dass Entropie stets zunimmt? Oder hat das was mit neuesten psychologischen Erkenntnissen und effektiver Marktwirtschaft zu tun? Ich finde in meinem Supermarkt ja auch nur Äpfel aus Italien oder Frankreich, obwohl die Uckermark voll von Apfelbäumen ist, deren Früchte verfaulen müssen, wofür die Landwirte Ausgleichszahlungen kriegen. Oder so wie eine arme Sau aus ihrer Heimat Deutschland nach Polen zum Schlachten gekarrt wird, dann in Frankreich zerlegt wird, hinterher zur Verarbeitung nach Italien reist, um schließlich wieder auf der deutschen Theke zu landen. Das ist billiger und mit den ganzen Lkw-Transporten wohl auch umweltfreundlicher, als sie vor Ort zu verwursten. Aber von moderner Marktwirtschaft verstehe ich nix. Bin überhaupt ein Uneinsichtiger, der mit offenem Helm und klassischer Stoffjacke ohne Protektoren auf alten Motorrädern mit 25 PS Spaß hat. Wie geht das denn ..? Gut geht das.

In diesem Sinne fröhlichen Frühling wünscht,