April, April

April, April

Das Jahr 2011 könnte als längster April in meine persönliche Wetterstatistik eingehen. „Ich hab nix anzuziehen”, ist da kein Stoßseufzer ausschließlich für weibliche Krautmotoren

Just hat’s der Wetterdienst vermeldet: Der deutsche Juli 2011 war zu nass und zu kühl. Nein, ich will nicht im vielstimmigen Kanon zum Klimawandel mitsingen. Eher meine Stimme zur so genannten Klimamembran erklingen lassen. Diese testete ich, als tendenziell konservativ funktionsgekleideter Mensch, erstmals im Sommer 2001 bei einer Alpentour, als Gore- und andere Tex-Klamotten längst in aller Munde waren. Der Sommer vor genau zehn Jahren erscheint in meiner Erinnerung dem jetzigen sehr ähnlich, denn durch ganz Deutschland bis zum Furkapass fuhren wir damals im strömenden Dauerregen. Meine funkelnagelneue Membranjacke steckte das zu meiner zufriedenen Überraschung erstaunlich gut weg, nur durch Halskrause und oberen Teil der Reißverschluss-/Knopfleiste drang Feuchtigkeit zu meinem Brustpelz durch. Dass mich ein kühlender Wassermantel in den oberen Schichten der Stoffjacke umgab, fühlte ich jedoch schon nach wenigen Kilometern unangenehm. Nun gut, halt noch’n Pulli drunter. Interessant wurde es dann am nächsten Morgen. Denn bisweilen eben konservativ veranlagt, hatte ich die Motorradjacke traditionell zum Schlafen ausgezogen. Hätte ich nicht tun sollen. Weil ohne die Wärmequelle Körper in der nassen Jacke ging der Membraneffekt flöten, und das Ding saugte sich über Nacht, ausgehend von der äußeren Schicht, durchgängig voll bis in den letzten Winkel. Keine Membran, sondern ein Schwamm. Fröhlich zerrte ich also diesen pappigen, arschkalten, tratschnassen Sack über meinen beweglichen Körper und startete mit noch effektiverer Wasserkühlung als am Vortag in den Morgennebel. Es gibt kaum einen freudigeren Tagesbeginn, als sich mit den neuesten Erfindungen der Weltraumtechnik zu beweisen, was für eine unempfindliche und anpassungsfähige Kampfsau man doch ist.
Längst bin ich wieder umgestiegen auf den flott geschnittenen und extrem bequemen Stoff des kurzen Belstaff-Blousons. Allerdings persönlich customized: Ich habe das Wachs bewusst ausgewaschen und die Jacke mit gängigem Imprägniermittel besprüht. Das dichte Gewebe ist so auf dem Motorrad für ein paar kurze Kilometer halbwegs wasserdicht, und auf langen Regenfahrten kommt der bewährte Gummianzug drüber. So fahre ich am liebsten, andere mögen das für sich anders entscheiden. Uli hat mir inzwischen verziehen, dass ich das britische Waxcotton einer seiner wesentlichen Eigenschaften beraubt und damit auch die durchaus sehenswert reifende Patina verhindert habe. Zumindest spiegelt sich sein erster Aufschrei nach meiner Tat inzwischen nicht mehr in seinen Gesichtszügen wieder.

Kürzlich stampfte ich mit dem Einzylinder derlei kool gewandet in der lauen Abendluft und vor grandiosem Sonnenuntergang aus der idyllischen Uckermark nach Berlin. Als Beinkleid lässige Jeans mit umgeschlagenen Endröhren, so wie’s konveniert. Echte Jeans übrigens, also keine als solche getarnte Motorradhose mit Protektoren. Ich sag’ das hier, und sag’ natürlich gleich dazu, dass ihr da draußen an den Bildschirmen so unglaublich gefährliches Zeug auf gar keinen Fall nachmachen sollt. Seid brav, tragt leuchtfarbene Sicherheitsklamotten mit Airbag, wenn ihr schon so Höllenmaschinen wie Motorräder bewegen müsst. Ich habe das ja nur gemacht in meiner Eigenschaft als schonungslos recherchierender Journalist, um zu testen, wie sich die Heimfahrt im heftigen Gewitterregen ohne Regenkombi anfühlt: Ganz gut, in dem Bewusstsein, dass zuhause eine heiße Dusche wartet. Die verschlammte Jeans ließ sich ähnlich kommod ausziehen, wie die Membranjacke vor zehn Jahren morgens überstreifen.

Die nächste Mission dieses Sommers lautete: Fahre ins Roadrunner’s Paradise, begib dich dorthin, ohne 4000 Klamotten anzuziehen. Ich kann ja für den heißen Rock’n’Roll schließlich nicht mit ’nem riesen Koffersatz wie ’ne Filmdiva anreisen, um mich bei jeder Wetterlage dreimal stündlich umzuziehen.
Ein hartes Los für einen Silberrücken im Dschungel der Eitelkeiten, angesichts hunderter extrem lässiger Karren auf zwei, drei, vier oder auch sechs Rädern und praller Hühner in noch größerer Zahl. Nicht auszusehen wie Käpt’n Blaubär beim Hochseefischen, aber dennoch ohne Blasenkatarrh der Sintflut zu entsteigen. Aufm Krad fiel die Wahl natürlich aufs Ganzkörperkondom, in dem Regenvorhang kann mich ja eh kaum jemand sehen. Der Cat Walk übers Gelände erfolgte dann in gut gefetteter Lederhose, drüber die oben erwähnte Belstaff-Jacke und fürs Haupt eine gewachste Barbour-Mütze. Jepp, die ist noch gewachst. Dass es von ihr in den Drei-Tage-Bart tropft, ist eine optische Finesse, deren erotische Wirkung wir noch aus der Cola-Werbung mit dem Fensterputzer kennen. Brandenburger Regen klebt bloß nicht so wie der Amiblubber. So weit alles perfekt. Richtig zufrieden mit mir war ich, als ich einen der rolling Urstones der Veranstaltung im Ostfriesennerz mit Südwester tief im Gesicht treffe. Nun, jeder ging auf seine Art zum Krabbenfischen. Doch der überwiegend horizontale Regen wurde gelegentlich von einem explosionsartig aufreißenden Wolkenloch erhellt, was einen gewissen Brennglaseffekt mit sich brachte: Die Sonnenstrahlen erhitzten einem wie eine 5-Minuten-Terrine in der Mikrowelle. Nach ein paar Meter Laufen war man also so oder so nass, ob vom Regen oder vom Schwitzen war einerlei. Auf dem Ho Chi Minh Pfad im vietnamesischen Dschungel könnte es ähnlich gewesen sein.

Kaum ist das Wochenende rum, folgten am Montag für ein paar Tage knapp 30 Grad. Und dann drei Jahreszeiten pro Tag: Morgens überwiegend sonnig frühlingshaft, tagsüber schwüle Sommergewitter, und am Abend erfreut frisch-feuchte Herbstluft. Gibt’s Saisonkennzeichen auch für Tageszeiten? Wenn dann ab 1. September wieder die Lebkuchen im Supermarkt penetrieren, kann man sich noch Weihnachtsstimmung mitnehmen. Besser gleich - denn an Weihnachten sind’s ja eh wieder 20 Grad ...

Immer kühlen Kopf bewahren wünscht,