BMW K 1300 Teil 1

Fahren mit Automatik, Teil 1

Die richtige Gangart ohne nachzudenken, scheint eine praktische Sache. Doch nicht ohne Grund wurde der Kickdown erfunden, wenn mal die eilige Wandlung nicht im rechten Drehmoment erfolgt. So wäre die Möglichkeit zum Tritt auch in manchem Verwaltungsgang angemessen. Denn heizen mit Gas ist umweltfreundlich

Neulich bekam ich einen ganz persönlichen Brief. Darin breitet der Landrat seine väterliche Hand über mein Haupt und rät fürsorglich, mich einer Verhaltensbeobachtung zu unterziehen und einer Gesprächsgruppe zu offenbaren. Diese sollen mich aufbauen und mir helfen, zukünftig Gefahrensituationen für mich besser erkennen zu können. Ich war ganz gerührt von der Liebe des Herrn Landrats und seiner Anteilnahme an meinem Schicksal. Seinen Liebesdienst ließ er sich schnurstracks mit 20,88 Euro bezahlen, also ein Betrag zwischen der ärztlichen Praxisgebühr und einem Handjob auf dem Straßenstrich und ein fairer Gegenwert für meine seelische Gesundheit. Soviel soziale Wärme kühlte nur ein Hauch von kaltem Automatismus: Führte doch meine vierte Ordnungswidrigkeit in sieben Jahren zu dem liebevollen Anschreiben.

Nun weiß jeder Motorradfahrer, dass die Straßen voll von Wichsern in vollklimatisierten Salonwagen sind und dass ihn die Verkennung einer Gefahrensituationen leicht das Leben kostet. Und so hielt ich mich nach 35 Jahren motorisierter Zweiradkarriere ohne einen einzigen heftigen Unfall und, bei einer Jahreskilometerleistung von 35-40.000 km auf zwei und vier Rädern im internationalen Straßenverkehr, ohne jemals eine Zahlung meiner Haftpflichtversicherung verursacht zu haben doch für halbwegs charakterfest und fähig, Gefahrensituationen für mich und andere zu vermeiden. Nicht, dass ich ein Engel ohne Fehl und Tadel wäre. Es gab emotionale Momente, da hatte ich die Scheinrupfgrenze definitiv überschritten und hätte mich juristisch kaum beschweren können. Doch in der Summierungslogik des Flensburger Punktesystems wird man ja bei acht Sünden in 16 langen Jahren zum gefährlichen Serientäter, der Therapie bedürftig ist. Wenn man rituell e in Pünktchen in 23 Monaten kassiert, wird einem automatisch die Fähigkeit zum Führen eines Kraftfahrzeugs aberkannt, selbst wenn man 36 Jahre vollkommen unfallfrei gefahren ist.

Ja, ich gebe zu, ich bin an dem jüngst geahndeten „Tattag” sonntagmorgens um 07.28 Uhr auf einer geraden, vollkommen leeren Bundesautobahn ohne Baustelle und irgendwelche Sichtbehinderung oder sonstigen außergewöhnlichen Bedingungen 102 km/h statt der beschilderten 80 km/h gefahren. Mit dieser Tat habe ich keinen Menschen einschließlich mir selbst auch nur im geringsten einer Gefahr ausgesetzt, die über den normalen Betrieb eines Kraftfahrzeugs hinaus ginge, und niemanden zornig erregt, außer den Sensor eines Messgerätes. Das stempelt mich per definitionem zu einem die öffentliche Sicherheit gefährdenden Raser. Nun gilt ja zum Wohle der Staatskasse schon länger der Erfahrungswert: Je unsinniger ein Tempolimit, desto höher die Überwachungswahrscheinlichkeit. Aber ich bin nunmal konservativ geschult und lernte von meinem Fahrlehrer noch, mein Verhalten in erster Linie der Situation anzupassen und auf andere Verkehrsteilnehmer zu achten. Nicht auf im Gebüsch versteckte Radargeräte. Vielleicht sollte ich also doch zum Aufbauseminar des Landrats, um endlich moderne Sicherheit zu lernen. Ich weiß bloß nicht, ob ich diesen heutigen verwirrten, zwischen Ikea-Ausschilderung am Straßenrand und Navigationssystem auf dem Armaturenbrett wackelnden Blick wirklich lernen will. Ob diese permanente Panik, irgendwo irgendwie irgendetwas falsch zu machen, diese momentan praktizierte Erziehung zu Nervosität und Angst, unterstützt von technischem Firlefanz, wirklich unserer Sicherheit nutzt. Mir scheint es einfach zu gefährlich, so modern zu fahren. Ich fahre lieber ganz entspannt und flüssig und beachte aufmerksam den Verkehr oder den Straßenzustand, als mich von wild blinkenden Lämpchen, nervtötenden Pfeiftönen oder anderen elektronischen Terrorwarnungen verwirren zu lassen. Mit dem archaischen „gesunden Menschenverstand” bin ich weit über eine Million Kilometer unfallfrei ge fahren und ohne staatliche Rundumkümmerei vollkommen gesunde 50 Jahre alt geworden. Damit gehöre ich vermutlich wirklich zu einer gesellschaftlichen Minderheit und gelte heute eben als verhaltensauffälliger Asozialer.
Dass das Fehlverhalten von Bankmanagern nach Schätzungen der EU-Kommission einen volkswirtschaftlichen Schaden von 2.000.000.000.000 Euro verursacht hat und ganze Wirtschaftsbranchen in den Ruin und wachsende Bevölkerungsgruppen ins soziale Abseits führt, bedarf dagegen keiner Gruppentherapie. Allein die legendäre Hypo Real Estate benötigt Bürgschaften des Steuerzahlers über 102 Milliarden Euro, das sind 40% des gesamten Bundeshaushaltes! Wenn der Chef der Deutschen Bank auf seiner stolz verkündeten Jagd nach einer Jahresrendite von 25% schon wieder die Öffentlichkeit gefährdet, wird er nicht vom Frankfurter Landrat zu Verantwortungsbewusstsein gemahnt, sondern von Frau Merkel mit einer Geburtstagsparty im Kanzlerinamt belohnt. Wieso fühle ich mich da als Bürger verarscht? Ist das eine Wahrnehmungsstörung, die der medizinisch-psychologischen Behandlung bedarf?
Oder sind Leute, die angemessen fahren, statt regelkonform, einfach die Retter des Systems? Wenn jeder der über 49 Millionen Fahrzeugbesitzer in Deutschland einmal im Jahr am frühen Sonntagmorgen auf der Autobahn vollkommen ungefährdet 102 statt 80 km/h fahren würde, spülte das 1.960.000.000 Euro in den Bundeshaushalt. Ist es da nicht geradezu staatsbürgerliche Pflicht, ab und zu eine dreistellige Geschwindigkeit zu wagen? Kommt Leute, gebt euch einen Ruck! Fragt nicht, was euer Land für euch tut, sondern was ihr für euer Land tun könnt. Ihr habt es selbst in der Gashand. Ich habe in den letzten Jahren schon staatstragend gehandelt. Bin sogar einen Schritt weiter gegangen, und habe die Erinnerung an den medizinischen Tipp des Herrn Landrats abgewartet. Das bringt 1,50 Euro extra in den Klingelbeutel. Jetzt überweise ich freudig 22,38 Euro. Ich sorge eben für mein Land - ganz automatisch.

In Teil 2 beim nächsten Mal: „BMW - aus Freude am Verwalten”