BMW K 1300 Teil 2

Fahren mit Automatik, Teil 2

Die BMW K 1300 S hat jetzt einen elektronischen Schaltassistenten. Dessen Sinn erscheint ähnlich nebulös, wie die Wirkung der Münchner Schaltzentrale, wenn ihr nagelneues Motorrad im Regen automatisch abschaltet. Eine sozialtechnische Feldstudie am Rande der Autobahn

Kaum hat Teil 1 die Zusammenhänge erläutert, kommt schon die amtliche Bestätigung: Schnell fahren ist Sozialdienst! So steht an der A2 bei Bielefeld Deutschlands beste Radarfalle, mit Bußgeldeinnahmen über zehn Millionen Euro im Jahr. Für den Verwaltungsaufwand mussten zunächst mehr Leute eingestellt, also Arbeitsplätze geschaffen werden. Und nach Abzug aller Kosten bleiben noch acht Millionen für Bielefelds Etat übrig. Zur Sanierung von Schulen und Kindertagesstätten, so Stadtsprecher Dietmar Schlüter zur Süddeutschen Zeitung.

Dieser Verantwortung hätte auch ich mich gestellt, als ich im Sommer mit der BMW K 1300 S besagte A2 Richtung Berlin fahre. Doch sabotiert extreme Luftfeuchtigkeit die artgerechte Führung: Die 175 Haflinger mit ihrem neuen Stallburschen galoppieren zu lassen, ist im strömenden Regen unmöglich. Dabei könnte der Elektroniker in der Box bei zig Kilometer stockendem Verkehr meiner linke Hand helfen, durch möglichen Kupplungsverzicht. Doch in langsamer Fahrt kracht und ruckelt es mit Automat mehr als in der Kulisse einer alten MZ (keine ironische Übertreibung). Und gefühlvoll schalten ohne zu kuppeln kann man niedertourig sowieso mit jedem gut abgestimmten Getriebe. Letztlich entpuppt sich der „Schaltassistent zum Hochschalten ohne Zugkraftunterbrechung” so als Spielzeug für MotoGP-Zuschauer.
Dafür wirkt der noch immer verbaute Regensensor umso beeindruckender. Schon bei den 1200er R- und K-Modelle wurde ja Erfahrung gesammelt mit wasserscheuen Ringantennen und Lenkerschaltern. Der BMW-Regenmodus mit null Kraftschluss, das ist mal ein zuverlässiges Sicherheitspaket: Damit ja kein Greis bei Schlechtwetter fährt. Leider bedarf es starker Nerven, wenn das Ding auf der linken Spur beim Überholen einer Lkw-Kolonne plötzlich und vollständig den Saft abdreht. Während von hinten vollklimatisierte Sturmpanzer heranschießen, hilft dann nur der sofort exakt getimte Durchstich zwischen zwei Brummis zur Standspur. Bei mieser Sicht und rutschiger Bahn nix für Leute mit Herzschrittmacher! Den Tipp vom alten Klacks Leverkus, immer zwei Sicherheitsfinger zum reaktionsschnellen Kupplungszug parat zu haben, kann ich der Play Station-Generation nur wärmstens weiter empfehlen. Denn der alberne Schaltassistent hockt während dessen natürlich gelähm t in der Ecke. Solche Stunts mache ich zwischen Bielefeld und Brandenburg mehrmals, und nach jeweils etwa halbstündiger Trockenphase kann ich auf 3,5 Zylindern weiter hoppeln. Endgültig heißt es dann bei Ziesar um 23 Uhr Zapfenstreich, und ich warte unter einer Brücke auf den ADAC. Am nächsten Morgen kommt der BMW Mobilservice.
Des Dramas zweiter Akt: Der Zuständige aus Magdeburg fragt in München an, ob er die Patientin nicht zur Niederlassung Berlin transportieren solle, da ich ja in diese Richtung wollte und es dann näher hätte. Doch die Verwaltung des Kreml lehnt ab, meines Wissens ohne Angabe von Gründen. Also 100 km zurück. Während der Fahrt im X5 Smalltalk. Ich in meiner altmodischen Art: „Vielleicht sind nur die Kerzenstecker nass. Aber ich wollte an dem neuen Gerät nicht rumschrauben.” Der Mobile: „Das ginge auch nicht. Um an die Kerzen zu kommen, muss man den Vorderbau demontieren, also auch die Kühlflüssigkeit ablassen. Da können Sie unterwegs gar nichts machen.” Gelobt seien technischer Fortschritt und Transporter. Um naiv Begeisterten einen Zahn zu ziehen: Den BMW Mobilservice gibt es nicht aus Menschenliebe und Dienst am Kunden, sondern u.a. um mit den Autos nicht in der ADAC-Pannenstatistik aufzutauchen. Probleme werden innerhalb der Familie geregelt.
In Magdeburg bekomme ich eine Tasse Kaffee auf Silbertablett mit Blümchen und Fragen gestellt. Für die BMW-Datenbank. Was, wann, wieso, ist das Ihre erste BMW ... Eine perfekte Planerfüllung ist unmöglich, denn ich fahre ja als Journalist das Pressemotorrad einer Drittfirma. „Das passt jetzt so nicht in die Eingabemaske. Kann ich das anders schreiben?” Nach reichlich Prozedere starte ich mit einer Gebraucht-K 1200 die 250 km Richtung Heimat.

Eine Woche später kommt der Anruf – und der dritte Akt: „Sie können das Motorrad holen. Tank und Benzinsystem waren voll Wasser. Sind Sie damit durch einen Fluss gefahren ..?” Also 250 km wieder nach Magdeburg und dort die Maschine frisch betankt. Als die Pistole abschaltet, probiere ich noch einen Schluck, aber es spritzt aus der Öffnung. Wohl voll. Oder doch nicht: „Die ist leider nicht ganz voll getankt, tun Sie das bitte noch. Sie bekommen ja auch ein betanktes Motorrad von uns. Nur 500 m die Straße runter ist eine Tankstelle.” Eine weniger spritzige Tanköffnung wäre hilfreich. Ich fahre vier mögliche Straßen jeweils rund zwei Kilometer und finde als Nicht-Magdeburger keine Tanke. Ich habe die Schnauze voll, es ist fast 15 Uhr, und ich muss wieder 250 km nach Hause. „Hier haben Sie zehn Euro, tanken Sie selbst voll”, empfehle ich dem Herrn im Corporate Identity-Hemd. „Aber es sind nur 500 Meter ...” „Tanken Sie selbst voll!”, unterbreche ich gepresst. Er spürt, dass bei jedem weiteren Satz seine körperliche Unversehrtheit zur Disposition stünde. Ich bekomme keinen Kaffee auf Silbertablett. Aber die K 1300 S mit fast leerem Tank. Und am östlichen Himmel drohen Gewitterwolken. Es reicht natürlich nicht. Ab Dreieck Werder hustet die feuchte Zicke heftig, und kurz vorm Rasthof Wolfslake fällt sie auf der A10 wieder ins Koma. In einer Regenpause röchelt sie weiter, ich mag nicht auf Servicefahrzeuge warten und einen weiteren Arbeitstag zwischen BMW-Händlern vergeuden.
Zuhause rufe ich München an. Die rufen den nächsten BMW Mobilservice an, eben die Niederlassung Berlin. Die ruft mich an. Nach zwei weiteren Telefonaten fährt die BMW auf dem Anhänger nach Berlin. Nach vier Tagen wieder Anruf: „Sie können das Motorrad abholen. Wir haben extra noch einen Test in der Waschanlage gemacht.” „Schön. Und wie hole ich es ab? Ich habe keinen Transporter. Und wenn ich mit meinem Fahrzeug komme, dann steht das ja in Berlin. Sie haben’s geholt, ohne mir ein Ersatzfahrzeug zu stellen.” „Es ist aber nicht üblich, das Motorrad wieder anzuliefern. Das kostet uns mindestens 300 Euro.” „Mich hat es bislang Benzin für zusätzliche 500 km und drei Arbeitstage gekostet. Erstattet mir das jemand? Mit meiner Arbeit bin ich sowieso in Verzug.” „Okay, wir fragen in München mal nach. Wenn die das bezahlen, meinetwegen.” Anruf nach zwei Stunden: „Wir bringen die Maschine. Aber frühestens morgen Abend. ” „Das sollte sein. Übermorgen muss ich los, wie schon vor zwei Wochen geplant, denn der Redaktionstermin wartet nicht. Was war’s denn?” „Wir haben den Tankdeckel und alle Dichtungen getauscht.” Erst auf meine Nachfrage bezüglich Wegfahrsperre und Schalter kommt ein leises: „Ja, den linken Lenkerschalter haben wir vorsichtshalber auch gleich getauscht.”
Die Tour verläuft dann problemlos. Es ist sehr sonnig. Bei der Rückgabe an den ausleihenden Händler meint der Werkstatthaudegen, Wasser in Tank und Leitungen könne wegen des Rückführsystems eigentlich nicht sein. Da wäre sicher was mit der Elektrik.
Egal. Meine Privateimer, zwischen Bj. 1951 und 1978, bleiben im Regen jedenfalls nicht liegen. Und wenn mal was ist, lege ich selbst Hand an. Früher war sicher nicht alles besser. Aber vieles einfacher. Mich hatte noch nie zuvor, noch NIE, der ADAC geholt! Ich bin nicht mal Mitglied. Aber wenn ich ein neues Fahrzeug hätte, müsste ich es vielleicht werden. Und zum Glück ist das Mobiltelefon erfunden, damit man unterwegs zu Service-, Datensammel- und Kommandostellen flachraten kann. Die Industrie führt selbst die Planwirtschaft ein, mit Controlling bis in die heimische Garage. Der Kunde will’s auch irgendwie so. Bei Anruf Abholung – wenn’s genehmigt wird. Service und Entmündigung sind zwei Seiten einer Medaille. Zudem bekommt man nie reinen Wein eingeschenkt, sondern einen Beruhigungstee auf Tablett mit Blümchen. Ob sich die angeblich Systemrelevanten mit ihrer Schönfärberei einen Gefallen tun, ob glänzender Firlefanz auf Dauer Ehrlichkeit ersetzen kann? Nach dem Erlebten empfinde ich es unangenehm, als Fahrer einer modernen BMW automatisch Teil eines großen Sicherheitssystems zu werden, mit einem Münchner Zentralkomitee, das nicht alles steuern kann.

Anlässlich der 20 Jahre Mauerfall sagte Hells Angela Merkel in einem Interview mit dem Nordkurier: „Das sozialistische System ist grundsätzlich gescheitert, weil es auf die totale Planbarkeit der Wirtschaft – und letztlich auch des Lebens jedes Einzelnen – setzte, weil es Eigeninitiative eher bestrafte als belohnte.” Diesen Satz noch einmal genau durchlesen. Und dann einfach „sozialistische” durch „konzerntypische” ersetzen. Die Fahrt der Industriegesellschaft in eine Sackgasse wird die staatliche Rekordneuverschuldung 2010 bestenfalls verlangsamen, doch die drohende Pleite können selbst die tollsten Einnahmen aus Radarfallen nicht mehr ausgleichen.
Ein hochverdichtetes 2010 wünscht,