Charakterfrage

Charakterfrage

Immer in der facettenreichen Welt aus Fahrtwind, Motoröl und Abenteuer unterwegs, zog es mich nach Oldenburg in eine Ausstellung über Lawrence von Arabien. Und einige Überlegungen zur Beschleunigung der Weltgeschichte können nicht ausbleiben ...

Der britische Oberst Thomas Edward Lawrence war ein ebenso faszinierender, wie umstrittener Mann. Von anderen widersprüchlich beurteilt, zwischen Held und Verräter, und in sich selbst nicht minder zerrissen: Einerseits bescheidener Asket, der das ganze Getue um seine Person ablehnte und nur seine Ruhe haben wollte, andererseits eitler Selbstdarsteller, der mit Übertreibungen und wohl faustdicken Lügen seine eigene Legende schuf. Wo Wahrheit endet und Märchen beginnt, wird sich bei dem Führer des arabischen Aufstands gegen das Osmanische Reich nie klären lassen. Wieso gelang es ausgerechnet einem walisischen Archäologen, die verfeindeten Stämme des Orients zum einzigen Mal in der Geschichte zu vereinen, um andererseits in seiner Heimat am normalen Alltag zu scheitern? Weshalb verpflichtete sich er – der entschiedene Kriegsgegner und Erforscher interkultureller Weisheit – mehrfach freiwillig bei Army, Navy und Air Force und war selbst während seines Feldzuges für Greueltaten verantwortlich? Als er am 13. Mai 1935 mit einer seiner geliebten Brough Superior tödlich verunglückte, hinterließ er mehr Fragen als Antworten. Vom seinerzeit schnellsten Motorrad der Welt besaß er insgesamt sieben Exemplare, und zwar nur diese Marke, eben weil sie so teuflisch exklusiv war. Ein eigenes Auto hatte er nicht, nur zeitweise einen Dienstwagen der Armee, obwohl er sich zweifellos eines hätte leisten können, kostete doch schon eine einzige der 1000er V-Twins ein Vermögen. Alternativ ging er hunderte Kilometer zu Fuß. Die Liebe zur schnellen Technik verband ihn aus den gleichen Gründen mit deren Unerbittlichkeit, wie es sein Zeitgenosse Antoine de Saint Exupéry einmal für die Fliegerei auf den Punkt brachte: „Die Maschine scheint uns von der Natur zu entfernen. Und gerade sie unterwirft uns mit ganz besonderer Strenge den ewigen Naturgesetzen.” Beide belegten diesen Satz auf drastische Weise, indem sie mit ihren Maschinen zu Tode kamen. Die einzigartige Ausstellung über Lawrence von Arabien ist in Oldenburg noch bis Ende März zu sehen (www.lawrence.naturundmensch.de), dann von Mai bis September in Köln. Sehenswert, auch wenn nur ein Motorrad drin steht.

Fast logisch schießt mir ein zweiter umstrittener Charakter durch den Kopf – zum Glück nicht wörtlich: Ernesto Che Guevara. Seine Motorradreise Anfang der 1950er Jahre mit einer recht desolaten 500er Norton durch Südamerika veränderte die Weltsicht des Sohnes aus wohlhabendem Hause so heftig, dass er zum bewaffneten Revolutionär und Schrecken der Weltmächte wurde. Chruschtschow ließ ihn entmachten, die CIA ermorden. Ein gefährlicher Idealist, intellektuelle Popikone und kämpferischer Macho, hingebungsvoll bis zur Selbstzerstörung. Sein Sohn fährt heute im Harley-Davidson Club Cuba und hätte wohl lieber ein modernes Motorrad, als eine altersstarre Ideologie.

Fahrtwind und revolutionärer Sturm scheinen sich also gelegentlich in einer Person zu vereinen. Nun muss es nicht gleich so heftig abgehen, wie bei diesen Beiden. Doch wer über Robert Sexés Weltumrundung 1926 oder Max Reisch und seine Indien-Reise 1933 liest, erkennt schnell, dass man mit dem Motorrad nicht nur geographische Grenzen überschreiten kann. Gerade bei so leisen Tönen wie in Robert Pirsigs „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten” klingt viel mehr an, als nur der Motor.
Und da wir hier ja bei Krautmotors sind, kann die Frage nicht ausbleiben: Gibt’s eigentlich Deutsche, bei denen Charakter, Motorrad und Lebenswerk so eng verwoben sind? Schon – aber irgendwie anders. Am ehesten in die weltbewegende Reihe begeisterter Motorradfahrer fällt der künstlerische Konstrukteur Ernst Neumann-Neander. Für ihn war die Massenmotorisierung der 1920er eine sozialpolitische Aufgabe, die den Menschen Verantwortung mit den Ressourcen, technischen Fortschritt und Sinn für Ästhetik gleichermaßen nahe bringen sollte. Genial, was der so alles als Erster kreierte, aber außer dem Opel Motorrad blieb ihm der kommerzielle Erfolg versagt. Auch für den umstrittenen Designer Luigi Colani ist die dynamische Verbindung aus Natur, Mensch und Technik treibende Kraft hinter seiner Arbeit, die vom Kugelschreiber bis zur Dampflok reicht. Die gängige Ergonomie der Computer-Mouse oder die bekannte Form der Canon-Kameras sind sein Werk. Er ist begeisterter Motorradfahrer, kreierte seine Münch spektakulär neu und schuf mit Fritz Egli eine Weltrekord-Skulptur mit 1400er Turbo. Dann wäre da noch Ernst „Klacks” Leverkus, der Übervater aller vernünftigen Motorradfahrer, der in unserem heutigen Verständnis sicher zu trocken und humorlos war. Doch er lebte Motorrad wie kaum ein Zweiter, führte realistische Testkriterien ein, und scheute kein unbequemes Wort gegenüber den Herstellern. Marketing-Geschwätz war nicht sein Ding. Und einer, der ein Stück weit in die Abenteurerliga von Lawrence und Che passt, ist der Wüstenforscher und -fotograf Michael Martin. Er hat als Erster alle Wüsten der Erde befahren, erforscht momentan als Fortsetzung die Eiswüsten und liefert von Bord seiner BMW-Enduro atemberaubende Eindrücke (www.michael-martin.de).

Doch man muss nicht nach Damaskus, denn das Motorradabenteuer und die Charakterbildung beginnen in der Garage: Es genügt ein Blick auf die paar Quadratzentimeter Gummi, an denen bei 200 km/h das Leben hängt. Daran hat sich seit Lawrence nichts geändert.

Eine spannende Frühjahrsinspektion wünscht,