Das Glück liegt auf der Straße

Das Glück liegt auf der Straße

Ob Route 66, German Autobahn, Hardangervidda oder Colle dell’Assietta – es stehen Euch viele Wege offen. Welche Emotionen eine Straße auslösen kann, belegen nicht zuletzt die Kurven um Schloss Solitude

Manche suchen die Herausforderung des Bergsteigens. Andere fühlen sich glücklich, wenn sie den Samstagsstau zwischen latte macchiato, Ikea und Fitness-Studio bezwingen. Und wieder andere fiebern im Stadion mit ihrem Fußballverein. „In meinem Staat möge ein jeder nach seiner Facon glücklich werden”, gab unser 300-jähriger großer Friedrich die Losung aus, noch vor Gründung vom „home of the free” USA. Ob deren Mythos zwischen CIA, FBI und NSA noch stimmt, ist ebenso fraglich, wie Fritzens Idealbild angesichts des deutschen Bedürfnisses nach obrigkeitlicher Ordnung. Schließlich schmachtet noch hundert Jahre nach Kaiser Wilhelm der Bundesbürger für europäische Monarchien, feierte den gestriegelten Freiherr Karl-Theodor von und zu Guttenberg an der Afghanistan-Front schon als zukünftigen Bundeskönig und zeigt sich psychisch überfordert bei schlichtem Kreisverkehr: Wie jetzt, egalité et fraternité ohne Haupt- und Nebenstraße ..?. Seit Beginn der Motorisierung will der Teutone Ampelregelung: Bei Rot anhalten, bei Grün darf er sich bewegen. Das frisst er. Egal, ob in unbefahrener Einöde oder nachts auf der leeren Umgehungsstraße bei klarer Sicht bis zum Horizont. Die seit 2010 voran getriebene Umrüstung von Ampelkreuzungen folgt ja nicht der inneren Einsicht, dass die Franzosen seit Jahrzehnten auf dem richtigen Weg sind, sondern staatlicher Finanzpolitik: Eine Ampelanlage kostet etwa 20.000 Euro, plus jährliche Wartungskosten von 5.000 Euro je Gerät. Ein Kreisverkehr macht 200.000 Tacken. Das amortisiert sich in wenigen Jahren, und als Wartungspersonal braucht man bloß ein paar Hartz-IVer zum Unkraut rupfen. Doch ungeachtet verwirrender Kreisel liegt das Glück der Autonation Deutschland eben auf der Straße. Unsere Freiheit heißt Autobahn ohne Tempolimit. Amis wollen schießen dürfen, wir wollen rasen dürfen. Einigkeit herrscht beim Datentausch spionierender PC-Trojaner.

Der törnt mich ebenso ab, wie stumpfsinnige Raserei ohne Gefühl für Verkehr und Witterung. Denn mein Glück – nicht der Tod – liegt unter anderem ebenfalls auf der Straße. Dazu braucht’s nicht dauernd Schräglage bei 250, wofür ich mich voriges Mal begeisterte. Durchaus im Gegenteil. Kürzlich war ich bei der Windmill Rally. Die ist für uralt Motorräder und nach fast 50 Jahren inzwischen selbst ein Klassiker. Nach Vorbild der Six Days Trophy in wechselnden Nationen ausgetragen, fand sie 2012 in Kaltenkirchen statt. Das älteste Fahrzeug von 1896, das jüngste von 1943. Was bei so ’ner alten Mühle an Hebeln, Pumpen und Gestängen koordiniert werden muss, erschließt sich selbst dem erfahrenen Auge nicht sofort. Sehr faszinierend. Neben großen Namen wie Peugeot oder Triumph dokumentierten Raritäten wie eine dänische Anglo Dane jene Vielfalt der Pioniertage, die mit der Wirtschaftskrise der 1920er ein Ende fand. Ein Blick in alte Herstellerlisten ist spannender als die neuesten Testberichte. Schon mal was von den Marken Javon, Rüder oder Tarzan gehört? Perplex kam aus Mannheim, Bubi aus Cleve und Zwerg aus Nürnberg. Ob solcher Namen stehen Marketing-Profis die Haare zu Berge. Doch J.A.Kraut, 1922-25 im unterfränkischen Gochsheim gebaut, find' ich irgendwie gut – naheliegend. In Kaltenkirchen bereiteten mir zwei Dinge besondere Freude: Einmal ein Fahrrad mit VDO-Instrumenten der 1970er Jahre. Den Tacho hatte ich damals an meinem Klapprad, in sehnsüchtiger Erwartung eines Motorrads mit ähnlichem Cockpit. Erinnerungen ... Zum andern ein Haufen sympathischer Schweden, die mit Husqvarnas angereist waren. Nicht nur, dass die Vorkriegsgeräte extrem selten sind und Christer Fangerberg mit seiner Rennmaschine spontan ein paar deftig lange Wheelies zur Unterhaltung zelebrierte. Nee, die Jungs hatten auch noch stilechte Klamotten an. Welche Wohltat! Während hierzulande der Warnwesten-Virus zuckelnde Wackelkanditen befällt und auf klassischen Motorrädern Augenkrebs verursacht, stürzt sich der begeisterte Schwede mit Großvaters Kradmantel auf Schotterpisten in den düsteren Forst. Abgestumpfte Bundesbürger beten, ihr neuester Blechkäfig möge erkennen, wenn es regnet oder dunkel wird. Der Skandinavier dagegen hüpft voller Lebensfreude ungefedert und ungeteert durch die nordische Tundra. Könnten wir nicht außer Ikea noch ein paar beglückende Inspirationen aus Schweden importieren, bitte?


Inspirierend wirkte schon zu Zeiten des Herzogtums Württemberg der Weg zum hoheitlichen Jagdschloss Solitude, auf dem 1903 das erste Bergrennen stattfand. Motorisierung war Privileg der Reichen. Später diente das Gelände als Fahrerlager, als 1925 der Rennkurs gebaut war und 1935 bis 1965 Motorradweltmeisterschaft und Formel 1 tobten. Die Gaststätte am Glemseck bot den besten Zuschauerplatz und beherbergte NSU- oder Suzuki-Werksteam und Rennidole wie Stirling Moss. Ideale Atmosphäre also für den heutigen Cafe Racer-Sprint „Glemseck 101” Anfang September. Den lässt sich natürlich auch KRAUTMOTORS nicht entgehen und startet dort gleich mit einer neuen Klamottenkollektion.
Wohl an, Ihr Glücksritter: Es muss nicht die E6 zum Norkap, die Costiera Amalfitana, Route 66 oder Route Napoléon sein, das Glück wartet schon auf einem Feldweg vor der Haustür. Mancher findet es schließlich inmitten öder Wüste auf einem toten Salzsee ...

Geteert und gefedert grüßt ,