Design und Sein

Design und Sein

Deutschland steht international vor allem für Autos und Bier. Mit den Krauts verknüpft die Welt ganz sicher nicht Humor und Design. Zugegeben: Wir selbst tragen zu diesem Bild wesentlich bei. Kettensägen könnten das ändern ...

Man kann wohl sagen, Witz schreibt die Völkergemeinschaft am liebsten den Engländern zu. Der legendäre britische Humor, mitunter schwarz wie die Nacht, reicht von Shakespeares Liebeskomödie „Der Widerspenstigen Zähmung” bis zu Monty Pythons „Das Leben des Brian”. Selbst kurze Schüttelreime haben als Limerick ihren Ursprung bei den Angelsachsen. Deren sächsischer Anteil wird dabei ja gern unterschlagen. Well, der liegt halt auch schon eineinhalb Jahrtausende zurück. Doch das ostdeutsche Städtchen Calau in der Niederlausitz schenkte der Welt immerhin den Kalauer, das einfache Wortspiel mit flachem Witz: „Frauen sind die Juwelen der Schöpfung. Man muss sie mit Fassung tragen.” Dafür standen Komiker wie Karl Valentin oder Heinz Erhard, heute fortgesetzt vom Odenwälder Rolf Miller: „Wenn eine Frau schweigt, soll man sie nicht unterbrechen!”
Trotz aller Kalauer gehören wir nicht zur witzigen Weltelite. Denn wie fragte 1935 der Kabarettist Werner Finck die anwesende Gestapo vor seiner Verhaftung: „Spreche ich zu schnell – kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?” Humor wurde eingesperrt. Später wurd’s nicht wirklich besser, denn in bundesrepublikanischer Prüderie mit unterirdischen Komödien a la „Wir hau’n die Pauker in die Pfanne” waren die Gags von Ilja Richter in Disco 72 ja geradezu spektakulär. Und jetzt im 21. Jahrhundert kämpfen wir so verbissenen um politische Korrektheit, dass die beste Comedy von Türken kommt. Oder ließen wir einen anderen als Django Asül sagen: „Der Obama ist auch nur ein pigmentierter Seehofer”?
Dass jetzt ausgerechnet ein schwäbischer Hersteller von Schrebergartengerät zum Quantensprung ansetzt, verdient da höchste Anerkennung! Die in Waiblingen ansässige Firma Stihl wird aufsässig und hat in Australien eine Werbekampagne gestartet unter dem Slogan: „Get real. Get outside.” Mit hintersinnigen Wortspielen wird ins wahre Leben gelockt, in die Natur. Die original Playstation sei eine Kinderschaukel, das größte Colour Display ein Blumenmeer, der wirkliche Wireless Hotspot ein Gartengrill, und schließlich hatten Vögel das allererste Tweet geposted. Das ist nicht nur in der Botschaft lobenswert, also brav politisch korrekt, sondern gleichzeitig mit überraschend intelligentem Witz gesegnet. Dafür bekäme Stihl von mir das große Bundesverdienstkreuz am laufenden Band mit Brüllanten. Denn diese Marktkommunikation wird dem teutonischen Image in der englischsprachigen Welt Auftrieb geben. Möge die Umsatzsteigerung des Unternehmens angemessen sein.


Dass ein englischer Architekt, Sir Norman Foster, hierzulande u.a. den Dresdner Hauptbahnhof und sogar unser Parlamentsgebäude, den Reichstag, modern gestaltete oder der seinerzeit preisgekrönte Entwurf der MZ Scorpion vom Briten Seymour Powell stammte, wirft diffuses Licht auf einen weiteren Pferdefuß unserer Kultur: Mit Ästhetik scheinen wir es irgendwie nicht so zu haben. Der Gartenzwerg als Ausdruck deutschen Geschmacks ... Für avantgardistisches Design stehen vielmehr die Franzosen, Stichwort Citroen DS, oder die Italiener mit Namen wie Bertone und Pininfarina. Dass der international bekannteste deutsche Designer einen italienischen Namen trägt und hierzulande eher unbeliebt ist, sagt einiges: Luigi Colani, Gestalter der Canon-Spiegelreflexkameras oder der gängigen Mouse-Ergonomie, wirkt heute vorrangig in China.
Dabei war in der Weimarer Republik deutsches Design wegweisend für die Moderne, während England noch dem viktorianischen Zeitalter nachweinte. Bis die Jubelbrandung für „unseren Führer” geniale Köpfe wie Walter Gropius oder Marcel Breuer aus Deutschland nach Harvard spülte. Der Rest wurde verachtet, drangsaliert oder war in Lebensgefahr, wie selbst der berühmte Heizungs- und Flugzeugpionier Hugo Junkers, ein enger Freund von Walter Gropius. Er ging für seine Ideale ins Gefängnis, bis sein Werk an Hermann Göring überschrieben war. Und so ist vom legendären Bauhaus mit Künstlern wie Lyonel Feininger, Benita Otte oder Oskar Schlemmer nur ein Name für Heimwerkermärkte geblieben. Ebenso wurden Filmpioniere wie Fritz Lang (Metropolis) oder Schauspieler wie Peter Lorre (Der Malteser Falke, Casablanca) ins Exil getrieben, verhalfen dann Hollywood zum Durchbruch als Filmmetropole. Wäre Leni Riefenstahl auf dem politischen Auge nicht mindestens vollblind gewesen, hätte Reichslügner Dr. Goebbels ihre wegweisende Bildgestaltung ebenso platt gemacht. So liegt nun ein ekliger brauner Schleier über ihren Fähigkeiten – auch scheiße.

Bis ins 21. Jahrhundert blieb der Grundzug unverändert, dass der Prophet nichts gilt im eigenen Land. Der Stuttgarter Filmproduzent Roland Emmerich ging ebenso nach Hollywood wie der Oscar-prämierte Kameramann Michael Ballhaus. Und bei den Urbayrischen Motoren Werken war zwar mit der R 100 RS das erste vollverkleidete Serienmotorrad entstanden, doch die weiteren visionären Entwürfe des Hans A. Muth fanden weniger Anklang. So nutzte Suzuki seine Firma Target-Design und katapultierte das Motorraddesign Richtung Zukunft. Die frontorientierte Linie der Katana tragen seither alle Motorräder in den Genen. Auch die von BMW. Die freistaatlichen Patrioten holten sich jedoch langfristig lieber US-Amerikaner ins Haus: Chris Bangle als Chef-Designer des Konzerns und David Robb als Leiter im Bereich Motorrad. Unter seiner Führung gestaltete sich die Weiterentwicklung von drei auf heute sechs Modell-Linien und das wachsende Angebot von Fahrerausstattung und Zubehör. Das Image der Boxer wurde von der geduckten R 1100 S bis zu den HP2-Modellen ganz schön aufpoliert, und mit der Schnabel-GS ist das Erfolgsmodell schlechthin entstanden. Doch wäre das wirklich einem Deutschen nicht zuzutrauen gewesen?
Nun ist nach Robbs Weggang also Edgar Heinrich am Zug. Als angefressener Motorradfahrer und Oldtimer-Sammler war er bei BMW nicht nur an der S 1000 RR beteiligt, sondern tobte seine private Umbauleidenschaft auch beruflich am genialen BMW Custom Concept aus. Das lässt für die Zukunft hoffen. Denn inzwischen ist auch der weltbeste Kameramann Michael Ballhaus zurück in der Heimat und lehrt an den Hochschulen in Hamburg und München. Und 83 Jahre nachdem der deutsche Schauspieler Emil Jannings den ersten Oscar überhaupt bekam, ging die Trophäe wieder nach Berlin zur Firma Piximodo, für die Effekte in Martin Scorseses Film „Hugo”. Wäre es nicht schön, wenn Kunst und Gestaltung in und aus Deutschland wieder ein internationales Renommee bekämen, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts?
Den technischen Vorsprung aus jenen Tagen kann uns sowieso niemand nehmen, seit Erfindung der Motorsäge durch Andreas Stihl und Emil Lerp. Und weil zur gleichen Zeit das Motorradwerk in Zschopau zum Weltmarktführer wurde, widme ich mich nächstes Mal Zweitaktern und Kettensägen. Echtes Männerthema ..!


Also bis denne,