Die Zeit rast

Die Zeit rast

Jubiläen verdeutlichen das besonders: 150. Geburtstag von Robert Bosch, 125 Jahre Automobil, 75 Jahre Kärcher, 50 Jahre Honda in Deutschland. Schwupp, geht die Zeit rum. Und wir rasen mit

Wer rastet, der rostet. Wer rast, bleibt jung. Diese Erkenntnisse der Medizin beziehungsweise von Einsteins Relativitätstheorie rufe ich mir gerne ins Bewusstsein, wenn sich das Jahr mal wieder seinem Ende nähert. Mal ehrlich: 75 Jahre Kärcher fand zu wenig Beachtung, oder? Ich meine, was würden wir ohne die gelb-schwarzen Dinger samstags machen ..? And now, play the November Blues for me, Baby ... Einerseits erscheint es mir dramatisch, dass die Zeit nur so dahin fliegt: Es war noch nicht richtig Sommer, da fallen die bunten Blätter schon wieder – doch die kommen ja wieder. Schlimmer ist, meine noch wenigen Haare fallen auch zusehends – und die kommen nicht wieder. Zumindest nicht an Stellen, wo ich sie brauchen könnte. Doch andererseits ist es gigantisch, voll im 21. Jahrhundert zu leben, das in meiner Jugend noch Science Fiction war. Wäre ich noch jung und müsste in die Schule oder dürfte noch kein Motorrad fahren – was für ein Albtraum! Also gut, dass die Zeit rast. Früher war ’ne 250er mit 30 PS eine Rakete. Sollten wir mal dran denken, wenn wir wieder über das heutige Maschinenangebot mäkeln.

Alles ist halt relativ, bewies Einstein, und verdeutlichte unsere krude Wahrnehmung mit einem schönen Beispiel: Die Hand 10 Sekunden auf einer heißen Herdplatte ist relativ lang, die Hand 10 Sekunden an einer heißen Braut ist relativ kurz. Ich erinnere mich noch, wie meine Großmutter vom ersten Auto im Ort erzählte, als 1970 die Straße vor unserem Haus asphaltiert wurde. Und gleichzeitig eine Fußgängerzone die Autos aus der Innenstadt verbannte. Zwischen dem ersten Auto und der Überfüllung lagen 50 Jahre. Jetzt ist die Mondlandung über 40 Jahre her, das Lunar Roving Vehicle (LRV „Mondauto”) von Apollo 15 hat längst ein H-Kennzeichen. Unser Volk dagegen findet ohne sprechendes Armaturenbrett nicht mal mehr zum Baumarkt, geschweige denn zu neuen Gestaden.

Die rasende Zeit direkt zu erleben, ist besonders anregend. So wie im Mai, als ich bei 125 Jahre Benz in Berlin-Tempelhof bin. Da steht nicht nur all das Räderwerk seit 1886 rum, es brüllt auch mächtig: zu Demoläufen der legendären Silberpfeile. Nachdem der Weltmeister-F1 von 1998 das Publikum angewärmt hat, werfen die fünf Boliden der 1930er und 1950er Jahre ihr Grollen gegen’s Rund der Flugzeughallen. Klaus Ludwig im W 25, gefolgt von Jochen Mass im W 125 und Roland Asch im W 154, dann pilotiert Dieter Glemser den W 196 Monoposto und schließlich Hans Hermann dessen vollverschalte Version. Jochen Mass hat sichtlich Spass in seinem 650 PS starken Monster von 1937 und lässt die riesigen Räder beherzt über den Beton driften. Um das große Volant exakt zu drehen, gerade so eine Berührung der Streckenbegrenzung vermeidend, muss er hinter der mächtigen Haube wohl nach den Sternen navigieren. Eine echte Augenweide, ein Spektakel aus Schall und Rauch ganz im Geiste der Krautmotors.

Leiser, aber dafür länger, kann man eine Zeitreise im Audi Forum Ingolstadt machen. Noch über die Jahreswende hinaus bis Ende Januar 2012 ist im dortigen Museum die Sonderausstellung „KraftRad” zu sehen. Der aus DKW und NSU hervorgegangene Autohersteller hat seine Motorradwurzeln nicht vergessen und pflegt diese Historie seit Jahren mit Engagement. Neben den dauerhaft gezeigten Zweirädern widmet sich nun diese Sonderausstellung gezielt dem Thema. Rare Exponate aus dem In- und Ausland sind versammelt, wie die skurrile QL von 1986 mit Achsschenkellenkung und Perimeterbremse des Fahrwerksspezialisten Tony Foale. Natürlich ist hier die Audi Z02 zu sehen, der lange geheim gehaltene fahrfertige Prototyp eines eigenen Motorrads, der noch nie ausgestellt wurde. Über 60 Exponate werden gezeigt, darunter auch Rolfs Kawa-Racer. Wenn seine Maschine jetzt von Audi geadelt ist, ausgestellt gegenüber der Delphin III-Rekordmaschine von NSU, dann darf er auch selbst nach Bonneville. Dort wollen Günter Retsch und sein Team mit ihrem deutschen Ducati-Bonneville-Projekt das eilige Land unter die Räder nehmen, wenn sie 2012 zur Rekordjagd starten. Und Krautmotors-Designer Rolf zeichnet die Verkleidung der Zweizylinder-Rennmaschine, die nach Jahren bei Dragraces auf Asphalt also nun Salz schmecken soll (www.nowsalt.de).
Einen Vorgeschmack davon gibt’s auf der CUSTOMBIKE 2011 vom 02.-04. Dezember in Bad Salzuflen (www.custombike-show.de). Dort sind wir mit einem stilechten Stand vertreten, stellen uns selbst und neue Klamotten vor, darunter natürlich das Bonneville-Sondershirt. Denn, hey Baby, wer braucht schon den November Blues – wir doch nicht. Wer sich schnell bewegt, bleibt länger jung.


Wir seh’n uns auf dem Weg nach Bonneville,