Dicke Dinger

Dicke Dinger

Wir mögen’s ja schon mal gern etwas größer und haben gegen Motoren mit 30.000 PS nichts einzuwenden. Also fuhr ich nach Augsburg, um mir anzuschauen, was aus einem Rapsöl-Treibling alles werden kann

Jetzma so unter uns Krautmotoren: Hat der Frühling nicht klasse angefangen? Okay, es hat gedauert, bis er endlich in die Puschen kam. Aber seither haben wir prima Kradklima – und Stefan Bradl führt nach zwei Siegen die Motorradweltmeisterschaft an! Da haben die Berliner Luftpumpen um Hells Angela doch ausnahmsweise mal recht: Der Aufschwung 2011 ist da, und die Bürger haben ’was davon. Sogar kleinere Kennzeichen dürfen wir jetzt montieren! Dass ich das noch erleben darf. Nach ’nem halben Jahrhundert teutonischer Engstirnigkeit ist das ja revolutionärer als die Erfindung des Minirocks, und die Zulassungsstellen werden erotisch wie Swinger Clubs. Runter mit den Lappen und die Heckpelle nur noch mit Tanga verziert.

Bei so vielen Glückshormonen musste ich gleich die gute Laune ins ganze Land brüllen, und bin längs durch die Republik von Templin bis Augsburg gedüst, um mich bei MAN optisch erschlagen zu lassen. Wie die Gebildeten unter uns wissen, hat dort in der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg der zähe Rudolf Diesel 1893 die erste nach ihm benannte „ideale Wäremekraftmaschine” zum selbständigen Laufen gebracht. Das war ein technisches Wunder, denn man hielt einen selbstzündenden Schwerölmotor zwar in der Theorie für möglich, doch für mechanisch nicht realisierbar. Über Diesels Leben findet man in Literatur und nicht zuletzt bei Wikipedia viel interessante Information, die ich hier nicht wiederholen muss. Erwähnt sei aber doch erstens, dass sich nach jüngsten Nachforschungen aus England die Indizien für eine Ermordung verstärkt haben. Doch werden sich die rätselhaften Umstände während seiner Überfahrt nach England am 29. September 1913 nie wirklich klären lassen. Und dass zweitens der Erfinder gar nicht den Motor, sondern sein 1903 veröffentlichtes Wirtschaftsmodell des „Solidarismus” für sein wichtigstes Werk hielt. Sein Buch ist als Nachdruck erhältlich und in der Tat aktueller denn je.

Doch ich will ja von Motoren berichten, so groß wie Häuser. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen, wenn eine Pleuelstange über zwei Stockwerke ragt. Dass so ein Schiffsmotor mächtig ist, weiß man ja. Aber sich Einzelteile und die Fertigung mal live anzuschauen, ist doch ein ganz anderer Eindruck. Wenn ein Zylinder einen Hubraum von rund 5,5 Kubikmeter hat, wobei der Kolben einen Hub von 3,70 m zurücklegt, und ein Motor 20 solcher Zylinder hat, dann ist das ganze Ensemble schon ziemlich dick. Allein das Kurbelgehäuse wiegt 80 Tonnen und ist gut 30 m lang. Der Sandguss-Rohling muss danach gefräst werden, und ich kann euch sagen: Die 3D-Fräse, die einen solchen Motor in drei Ebenen bearbeiten kann, ist ein Apparat, der jeden Heimwerker sprachlos zurück lässt! Solche mechanischen Vorgänge kannte ich bislang nur aus Science Fiction, wenn zwei Raumschiffe ineinander krachen. MAN stellt Schiffsdiesel von 60 bis 30.000 PS her, und Kraftwerkseinheiten bis 225.000 PS. Dagegen sind die sogenannten „Big Twins” unserer Szene Babyspielzeug. Und umweltfreundlich sind die Monster außerdem, schlucken praktisch alles. Schweröl eh und Altöl, aber auch Teer und nicht selten den Müll von der Raffinerie. Tatsächlich werden sogar die Küchenrückstände des Schiffs verwertet. Die im Automobilbau so spektakulär angepriesene Blue Motion Technologie gibt es im Schiffsbau schon seit 25 Jahren. Bis zu 30% Wasser werden in den Brennraum gespritzt, und in besonders empfindlichen Ökozonen wie der Arktis sogar Harnstoff. Einfach in den Tank pissen, das hat was. Da ist so ein Kreuzfahrtpassagier ja vielleicht eigentlich Heizer, ohne es zu wissen. Und ganz im Sinne des Erfinders ist der Dieselmotor noch immer der effektivste: Der Zweitakt-Diesel hat einen Effizienzgrad von 53%, unter Nutzung der Abwärme sogar 80%. Während einer Atlantiküberquerung läuft so ein Aggregat dann Tage lang Dauervollgas. Und von einem Extrem ins andere: Das kleinste bei MAN gefertigte Teil hat lediglich einen Durchmesser von 0,2 mm und gehört zu einer Einspritzdüse. Die Augsburger verstehen also ihr Handwerk. Die 1758 gegründete Maschinenfabrik ist weiterhin der größte Hersteller von Dieselmotoren, hält trotz mächtigem Druck aus Südostasien seine Spitzenstellung und fertigt u.a. auch die sehr kapriziös herzustellenden Feststofftraketen der Ariane. Auch ein Krautmotor. Der erste Lizenznehmer von Diesels Motor war übrigens vor genau 100 Jahren Kawasaki, und der Vertrag wurde noch von Rudolf persönlich unterzeichnet.


Die Managers on Motorbikes vor Rudolf Diesels Motor im Foyer

Noch etwas zum Schluss: Eingeladen zu dem Werksbesuch hatten die „Managers on Motorbikes”. Das ist eine vor eineinhalb Jahren geborene Gruppe illustrer Wirtschaftskapitäne, die gerne Motorrad fahren. Hört sich elitärer an, als es ist. So weit ich das sehe, sind weit weniger MV Agusta und Electra Glides unterwegs, als BMW GS. Sogar überzeugte Winterfahrer sind darunter, die alle Klischees aufs Glattteis führen. Letztlich sind es genauso Gaskranke, wie wir alle, die beispielsweise ältere Zweiventil-Boxer über den Balkan treiben oder mit aufgepumpten Einzylinder-Caféracern die Fensterscheiben vibrieren lassen. Mehr Wendigkeit kann die verkrustete deutsche Wirtschaft eh gebrauchen, und wenn statt Nadelstreifenanzug und Luxuslimousine nun Regenkombi und Stollenreifen zur Ausstattung gehören, kann’s nur gut sein. Im Juni trifft man sich zum zweiten Mal im thüringischen Dörfchen Lederhose, und allein für diese originelle Ortswahl gehört applaudiert. Dass auch eine Zeitrunde auf dem Schleizer Dreieck ansteht, gefällt unsereinem erst recht. Schaut einfach mal unter www.momclub.de, doch sollt ihr nun nicht länger vor dem Bildschirm kleben, sondern raus auf die Straße.

 
Geht spielen, Kinder, sagte mein Großvater.
In diesem Sinne bis zum nächsten Mal,