E-Kraut

Deutschland, einig Mopedland

Leise, still und unheimlich kehrt wieder, was früher Deutschland weltberühmt machte: das Moped. Aufgeladen durch die Elektromobilität, werden von München bis Berlin moderne Varianten einer bewährten Idee gebaut

Einst gab es in Deutschland weit über 100 Firmen, die Mopeds bauten: von Ardie Fratz bis Zündapp Combinette. Ob DKW, Express, Hercules, Mars, Rixe, Simson oder Victoria, ob Waschmaschinenhersteller Miele oder das ehemalige Nähmaschinenwerk NSU, ob großer Konzern mit Weltmeisterlorbeer wie Kreidler in Stuttgart oder kleine Manufaktur mit zart blühendem Lokalkolorit wie Tremonia in Dortmund. Der in Deutschland kreierte Ausdruck „Moped”, abgekürzte Zusammenfassung für Motor mit Pedalen, fand sogar Eingang in andere Sprachen, beispielsweise das Englische. Preiswerte Massenmotorisierung war insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg gefragt, und so erlebten die bereits in den 1920er Jahren zulassungs- und steuerfrei zu fahrenden Leichtmotorräder einen enormen Aufschwung. „Nicht mehr laufen – Quickly kaufen!”, lautete der Slogan von NSU.

Der Neckarsulmer Hüpfer wurde mit Einführung der 50 ccm-Fahrzeuggattung 1953 geradezu zum Synoym fürs deutsche Moped, weltweit millionenfach verkauft und international in Lizenz gebaut. Zum größten Motorenhersteller der Welt avancierte bis in die 1970er Jahre Sachs in Nürnberg. Der jugendliche Motorradboom ab 1972 bescherte dem Kleinkraftrad einen neuen Höhenflug – mit jähem Absturz. Denn wie schon mehrfach in ihrer Geschichte hielten sich die Deutschen für unbesiegbar, und glaubten nicht an die Möglichkeiten anderer. Warum das 1950er Jahre Blechrahmen-Design der Kreidler ändern? Warum als zigfacher Gelände-Europameister eine Zündapp-Enduro für den Alltag bauen? Warten, bis es zu spät ist, und dann nach China verramschen.


Von dort kommt nun eine Welle zu uns geschwappt, die das Fahrrad fahrende Volk der blauen Ameisen dem elektrischen Motor des Werner von Siemens bewegt, die sogenannten Pedelecs. Machen wir uns nix vor: Was hierzulande grade Fahrt aufnimmt, ist in China schon die Regel. Selbst Österreich und die Schweiz haben einen deutlich höheren Pedelec-Anteil als wir. Doch das muss ja nicht so bleiben. Im abgelaufenen Jahr 2011 wurden in der Bundesrepublik rund 300.000 Pedalkräder verkauft, im Jahr davor waren es noch 250.000 der zulassungsfreien Flitzer. Dabei reicht die Technik vom gemütlichen Tourenfahrrad mit leichtem Rückenwind aus der Batterie bis zum ernsthaften Offroad-Bike mit 80 km/h Spitze. Die Speerspitze für Technik- und Designfreaks sind beispielsweise das Berliner Grace oder aus München das eSpire mit Gitterrohrrahmen a la Ducati und unglaublichen 150 Nm Drehmoment! Schaut mal in den Unterlagen nach dem Wert Eures Motorrads und werdet blass ... Die Gesetzgebung schreibt nämlich lediglich die üblichen Spitzentempi 25 km/h, 45 km/h, 80 km/h und darüber bzw. die kW-Leistung vor, nicht aber das Drehmoment. Und in dieser Disziplin ist der Elektromotor dem Verbrennungsaggregat gnadenlos überlegen. Sicher, für so ein Highend-Gerät zahlt man noch den Preis eines Motorrads: Das Edelbike Grace One kostet knapp 8000 Taler, so viel wie eine Triumph Street Triple. Doch das eSpire liegt mit 4700 Oironen auf dem Niveau einer 125er Aprilia, und das neue Smart ebike gibt’s schon für 2900, gebaut bei Grace in Berlin. Übrigens erfolgt die Endmontage des eSpire bei MZ in Zschopau, und so verweisen die bayrischen Initiatoren zu Recht auf ihre Fertigungstiefe Made in Germany. München war ja einst Firmensitz von Zündapp, und aus Stuttgart, wo früher Kreidler tobte, kommt heute das Elmoto. Die Nürnberger Saxonette ist eh schon länger wieder da. Es tut sich also ’was.

Nürnberg darf sich meines Wissens auch rühmen, Ursprungsort des elektrischen Geländemotorrads zu sein. Dort setzt seit zehn Jahren Horst Forster Trial-Motorräder unter Strom, also lange vor Quantya und KTM Freeride. Anders als das österreichische Projekt ist die in den USA entworfene Brammo Engage ab rund 8500 Oiro bereits kaufbar. Eine der ersten Brammo Enertia, das Stadtmotorrad des Hauses, konnte ich letzten Herbst in Berlin fahren und war durchaus angetan. Die US-Marke lässt im EU-Land Ungarn fertigen, wo auch Audi seine Motoren baut. Also fast ein Heimspiel. Ebenfalls schon auf Deutschlands Straßen unterwegs ist die kalifornische Marke Zero, die mit der 2012er Generation bis 140 km/h Spitze verspricht. Mit 160 km/h Spitze soll auch noch in diesem Jahr die Brammo Empulse kommen. In der nächsten Ausgabe des Motorradmagazins MO 2-2012 lasse ich mich ausführlich darüber aus, und ich empfehle gern, sich einmal auf das Thema E-Motorrad einzulassen. Vermieter wie die bundesweite Ladenkette „Lautlos durch Deutschland” (www.lautlos.com) und andere ermöglichen den Spaß. Und den hat man, wie damals bei den ersten illegalen Kilometer auf’m Feldweg mit Opas Moped.
Würde sonst unser Rolf mit Strom spielen? Der macht doch bloß, was ihm grad Spaß macht – und bastelt deshalb an einem Elektrohobel ganz in seinem Stil. Wer ihm einen geeigneten Packen Akkus übern Zaun werfen will – her damit !


Also, macht doch einfach Watt Ihr Volt !