Eisplanet

Der Eisplanet

Die Menschen strömen zu Avatar. Doch das wahre 3D-Abenteuer spielt live vor unseren Augen, wenn sich die Büchse der Pandora öffnet: Während schon der Regierungsbunker gewärmt wird, retten vermummte Gestalten auf alten Motorrädern die Republik

Zweites Januar-Wochenende, in den düsteren Wäldern des Erzgebirges: Auf Schloss Augustusburg bei Chemnitz treffen sich geheimnisvolle Gestalten aus ganz Europa. Druiden und Zauberer, die Kräfte der Natur beherrschend. Das 40. Wintertreffen für Motorradfahrer findet statt. Damit ist es eines der traditionsreichsten Treffen in Deutschland, durchgängig am selben Ort. Das ist nicht selbstverständlich – weder vor noch nach der Wende. Denn obwohl zigtausende MZetten und Simsen zum Verkehrsbild gehörten, waren überzeugte Motorradfahrer der DDR nicht weniger suspekt als Anfang der 1970er den Westdeutschen. Der Tiefststand in der BRD war 1972: Nicht mal 120.000 Maschinen über 50 ccm waren damals zugelassen. So viele werden heute jedes Jahr neu verkauft. Wer also auch noch im Winter freiwillig Motorrad fuhr und sich zum Elefantentreffen am Nürburgring oder eben jenseits des Eisernen Vorhangs auf der Augustusburg zusammenrottete, der musste ja krank sein! Schmerzfrei, unvernünftig, lässt sich nix sagen, überwindet mit Lust Hindernisse – also gefährlich, sehr gefährlich.
Unseren Ruf als unvernünftige Gemeingefährliche können wir Kraftradler diesen Winter 2010 endlich wieder richtig aufpolieren! Sind ja unverdrossen welche von uns unterwegs, bei dem Wetter. Und an jenem zweiten Januar-Wochenende strömen gar über Dreizehnhundert Richtung Erzgebirge. Ausgerechnet an dem Wochenende, als die tödliche Daisy kommt! „Deutschland rüstet sich für den Wintersturm”, titeln die Gazetten, und die meistverkaufte rät gar Autofahrern, ein Survivalpack mit auf den Arbeitsweg zu nehmen. Damit sie überleben können, bis die Räumpanzer der Bundeswehr sie rettten. Denn Achtung: Es wird schneien und windig werden. In den Fernsehnachrichten warnen Meteorologen und Katastrophenschützer davor, das Haus zu verlassen: Man solle sich noch schnell mit Lebensmitteln für vier Tage eindecken, bevor Daisy kommt. Am 7. und 8. Januar 2010 hört man diese Empfehlung in den Abendnachrichten aller Kanäle, da kommt Stimmung auf. W ird Deutschland diese gewaltige Katastrophe überleben? Schnee und Wind im Januar, irre, das hat’s ja noch nie gegeben ...
Nun ja, die meisten 20-Jährigen kennen das wirklich nur aus Trickfilmen wie „Ice Age”: Es ist der schneereichste und kälteste Januar seit 15 Jahren. Ein Bekannter musste überrascht feststellen: „Mein Sohn kennt keinen Schnee auf der Straße, er weiß nicht, ob und wie er jetzt mit dem Auto fahren soll ...” Erinnert mich an unseren jungen Hund, als er damals den ersten Schnee sah: vollkommen gaga im Hirn. Raste wie ein Derwisch mit stiebender Schneewolke im Kreis und rammte immer wieder die Schnauze ins kalte Weiß. Nur, dass die Menschen nicht spielerisch damit umgehen, sondern scheinbar vollkommen den Bezug verloren haben. Den einen tropft schon bei 30 km/h der Angstschweiß, die anderen halten sich noch bei 180 für unzerstörbar. Ich will ja nicht immer wieder mit dem gesunden Menschenverstand langweilen, aber Homo sapiens hat nunmal ein ungemein funktionales Körperteil zwischen den Ohren. Wieso benutzen das immer weniger Leute? Mit der ganzen Vollkasko-Elektronik in den modernen Karren sind ja inzwischen die meisten Fahrzeuge intelligenter als ihre Fahrer. Da kann man das Bestreben der Industrie, zukünftig mögen Satelliten gesteuerte Autos miteinander kommunizieren, eigentlich nur begrüßen: Lasst die Insassen einfach weg. R2D2 fährt alleine mit Nr. 5.
Loide, Loide ... Unsere Eltern und Großeltern haben den Hungerwinter 1946, den kältesten des 20. Jahrhunderts, in einem zerbombten Land gemeistert, und wir heute sollen nicht mehr über ein ausgebautes Straßennetz bis Chemnitz kommen? Zur Augustusburg fahren dann auch weniger als halb so viele Zuschauer wie 2009 – aber 124 Motorräder mehr! Klar ist’s im Nordosten nicht kuschlig, ich wohne da. Die A20 wurde wegen meterhoher Schneewehen gesperrt, einige Ortschaften abgeschnitten und die Lübecker Altstadt nach einer Sturmflut überschwemmt. Daisy war also wirklich zickig. Doch der Litauer Laurynas Oblius aus Vilnius kommt genau durch den Nordosten die 1.320 km am weitesten bis Mitteldeutschland gereist. Oder die Finnen auf ihren altgedienten Jawa und MZ. Dazu Belgier, Polen, Schweizer, Tschechen ... Die Gespanne und Solo-Akrobaten robben mit Stollenreifen oder selbst gemachten Schneeketten ran. Geht doch! Seit Mai 2006 gilt in Deutschland ja „situationsbedingte Winterreifenpflicht”. Aber wann ist Winter? 2006 gab’s zum Konsumfest zwölf Grad Plus, an Neujahr sogar noch etwas mehr. Wenn der ADAC rät, unter sieben Grad Winter-, darüber Sommerpellen zu montieren, heißt das: dreimal die Woche wechseln, weil sonst total gefährlich? Liebe Verkehrsgenossen, nutzt bitte euer Hirn und bettelt nicht hilflos nach einer Regelung für jede Hühnerkacke. Und sehr geehrte Samen und Spermen des öffentlichen Lebens, inklusive Medien: Bleibt mal auf’m Teppich und bewahrt etwas die realen Relationen. Ihr müsst doch unsere bei jeder Kleinigkeit ängstlich zuckende Gesellschaft nicht noch mehr in die Knie zwingen.

Denn ja: Jetzt rollt die ungemein gefährliche dritte Welle der Schweinegrippe an! Wir erinnern uns an November 2009, als die Welle auf dem Höhepunkt war. Die Panik, nicht die Grippe. In den USA hatte Präsident Obama vorsorglich den nationalen Notstand erklärt, und der ukrainische Präsident Juschtschenko sah eine „Bedrohung der nationalen Sicherheit”. Mit dem Verweis auf die Pandemie von 1919-20, mit geschätzten 40 Millionen Toten weltweit, verbreiteten die Medien Schätzungen von bis zu 200.000 Toten in der EU. Die Bundesregierung kaufte 50 Millionen Impfdosen, denn der Präsident des Robert Koch Instituts warnte davor, dass 30% der Deutschen erkranken werden, also gut 25 Millionen. Klingt schrecklich, wenn man nicht erwähnt, dass 99% der Erkrankten keinen ernsthaften Schaden davon tragen werden. Ich kenne fünf Erkrankte, ungeimpft. Die sind putzmunter und freuten sich vor allem über eine zusätzliche Woche arbeitsfrei. Sicher, dieses H1 N1-Virus ist ein fieser Geselle, wurde 1919 noch als „Spanische Grippe” bezeichnet. Doch man sollte auf das Datum achten: ein Jahr nach dem Ersten Weltkrieg. In den sind die Menschen mit Hurra gezogen, um selbst 15 Millionen niederzumachen. Frankreich verlor ein Drittel seiner männlichen Bevölkerung im Gemetzel. Danach waren weltweit Regierungen gestürzt, in den Verwaltungen herrschte Chaos, ganze Staaten hatten sich aufgelöst, z.B. Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich, das russische Zarenreich oder das Deutsche Kaiserreich. Bei uns herrschte ab 1915 eine Hungersnot, an der bis 1919 allein rund eine Million Deutsche starben. Eine Bevölkerung mit enorm geschwächtem Immunsystem, dazu Millionen Kriegsversehrte, eine ruinierte Wirtschaft, zerstörte Infrastruktur, Bürgerkriegs ähnliche Gewalt auf den Straßen, Notregierung und wenig medizinische Versorgung: DAS war eine Krise. Heute besteht sie doch nur darin, ob man sein Schnitzel beim Me tzger oder bei Aldi kauft und seine Hustentropfen von der Steuer absetzen kann. Also malt nicht Horrorgemälde mit Äpfeln und Birnen an die Wand! Das aktuelle Bild: Bis Dezember 2009 starben in Deutschland an der Schweinegrippe 77 Menschen, davon 63 nach schwerer Vorerkrankung. Macht 14 Todesfälle aufgrund H1N1. Zum Vergleich: An der „normalen” Grippe sterben jedes Jahr mindestens 12.000 hierzulande. Und beim Afghanistan-Einsatz kamen bislang 36 Deutsche ums Leben.

Augustusburg 2

Statistiken sind wunderbar. Richtig hilfreich fürs Leben werden sie aber erst, wenn man sie zueinander in Beziehung setzt. Also keine Panik: So lange es wintertaugliche Oldtimer gibt, ist unsere Zukunft gesichert. Ich fühle mich jedenfalls überhaupt nicht schlecht, wenn ich ungeimpft den Schnee spritzen lasse. Kalte Luft enthält mehr Sauerstoff, da gibt’s bei aktuell –20 C eine kostenlose Motorfrisur von Mutter Natur!

 
Nutzt diese günstige Gelegenheit, meint