Frohes 2011

Frohes Neues

Lange Winter und heiße Sommer, taumelnde MZ und exklusive Horex, Fahrverbot für Motorräder und BMW in den Startblöcken des MotoGP – ein ständiges Auf und Ab in der einspurigen Gefühlswelt. Da braucht’s mentale Stabilität, soll sich unsere Laune nicht der Kurve des weiblichen Hormonspiegels nähern

Alle Jahre wieder!, frohlocken die geflügelten Boten der Unkenrufer. Es schneit. Und sogleich tunen sie lustvoll kleinere Unpässlichkeiten zur Katastrophenlage, garniert mit dramatischen Interviews havarierter Verkehrsteilnehmer, die scheinbar gerade ihr persönliches Stalingrad erlebt haben. „Die Polizei rät dringend vom Autofahren ab”, meldeten die Nachrichtendienste vor Weihnachten, und das deutsche Angsthäschen liess sich wonnige Schauer über den Rücken jagen. Dass es im Winter schneien und gefrieren kann, dringt in die klimatisierten Chefetagen der Macher und Entscheider einfach nicht mehr vor. Und so sah sich der Hightech-Konzern Deutsche Bahn gezwungen, von der Benutzung seiner Produkte abzuraten. Kein Wunder, dass Stuttgart 21 gleich unterirdisch geplant wird, während vor 40 Jahren noch das Staatsunternehmen mit dem Slogan warb: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.” Es lebe der Fortschritt, vergib unsern Peinigern und unser täglich Soap gib uns heute. Beim ungefragten Casting für Germany’s next Toptrottel forderte einer der Kandidaten die Winterreifenpflicht von November bis März – und damit de facto ein Fahrverbot für Motorräder. Noch betrifft’s nur die verschneite Fahrbahn, aber bei Deutschlands Sicherheitshysterie ist der weitere Weg vorgezeichnet. Schon jetzt widerspricht der ADAC dem BVDM: Gilt nicht nur für Vierräder, und grobstollige Motorradreifen genügen nicht. Wie sind wir nur ohne Clubkarte und großväterliche Behütung über ein halbes Jahrhundert lang zum Elefantentreffen gekommen? Zigtausende aus aller Welt über tausende tief verschneiter Kilometer! Dürfen wir das jetzt bloß noch mit vollausgestatteten Geländewagen und Räumpanzern? Der Fürsorger weiß alles, möge die Macht mit uns sein.

Welch unglaubliche Wahnsinnstat beging ich da im Oktober, als ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt rund 3000 km durch Deutschland düste. Mit der BMW HP2 Sport auf den Spuren unserer wagemutigen Ahnen, zu den Weltrekordstrecken der 1930er bei Dessau, Frankfurt/Main und München. Nachzulesen in der aktuellen Ausgabe des MO-Sonderhefts „BMW Motorräder” Nr. 36. Wenn die Blöd-Zeitung das gewusst hätte, wäre sie zweifellos täglich über mich gefährlichen Motorradraser hergefallen. Wir erinnern uns an Toni Mang auf der Hayabusa. (Seinen apokalyptischen Senf hätte sicher auch der Sarazene Thilo dazu geben dürfen: Springers Nationalkämpfer, der sich aufgrund seiner orientalischen Vorfahren eigentlich selbst ausbürgern müsste, wettert ja gegen alles, was nicht in sein Kleinhirn passt.) Doch, oh Wunder, man kann tatsächlich bei kalter Witterung Motorrad fahren, wird nicht krank davon und stürzt sich nicht zu Tode. Was im Zweiradartikel fehlt: Der so genannte Schienenzeppelin fuhr bereits 1931 mit dem damaligen Rekordtempo von über 230 km/h die Strecke Hamburg-Berlin in nur 98 Minuten. Das verspricht die Bahn noch heute. Beschleunigt wurde dieser von Franz Kruckenberg konstruierte Eisenbahntriebwagen durch einen Zwölfzylinder-Flugmotor von BMW.

Womit wir beim aktuellen Feuerwerk sind. Beim vergangenen Grand Prix in Misano stellte Eskil Suter sein MotoGP-Projekt mit BMW-Motor vor, das fürs Reglement von 2012 entsteht. Nachdem Hondas Strategie der 800 ccm-Nötigung gehörig nach hinten los ging, dürfen ja wieder 1000er brüllen. Neben BMW winkt nun noch Aprilia mit dem Wiedereinstieg, was der höchsten Rennklasse nur gut täte. Noch ist viel zu tun, zumal das Superbike-Engagement der Bayern bislang nicht wirklich zufriedenstellend gelaufen ist. Doch mit dem Herstellertitel der Moto2-Weltmeisterschaft hat Suter eine Referenz, die Können und Professionalität belegt. Daran fehlte es leider bei MZ, denn guter Wille und Sympathie reichen halt nicht. Für 2011 ist nun Max Neukirchner als zweiter Fahrer dabei, der Entwicklungserfahrung hat und mit Ex-Superbiker Peter Rubatto einen fähigen Teammanager bekommt. Serienmotorräder bauen die Sachsen freilich nach wie vor nicht, und alle Zukunftspläne sind mit ganz heißer Nadel gestrickt. Weit weniger angestrengt wirkte da die Präsentation der neuen Horex VR6. Das enthusiastische Team um Clemens Neese ist zuversichtlich, den Markennamen dauerhaft wieder beleben zu können. Ob ein exklusives Technikschmankerl im schlichten Gewand genügend Kaufwillige anlockt? Schön wär’s, doch Archivare erinnern sich an die V8-Morbidelli, die als Prototyp direkt ins Museum rollte. Den Holzverarbeitungsmillionär hat’s damals nicht gejuckt, er hatte so oder so seine Freude, die in Italien ja immer groß geschrieben wird. „Motorräder sind der Stolz dieses Landes. Ein Land, das einmal mehr den Kampf aufnimmt. Manche Entscheidungen scheint der Geist zu treffen, doch in Wahrheit trifft immer das Herz die Entscheidung!” So philosophisch bewirbt Breganze Motorcycles die Wiederauferstehung der SF 750, die nicht mehr Laverda heißen darf, weil der Markenname heute dem Piaggio-Konzern gehört. Morini taumelt, Laverda kehrt zurück.

Angesichts unserer engagierten BMW, Münch, MZ, Horex möchte man nur zu gern glauben, südländische Lebenslust könnte auch nördlich der Alpen blühen. Hoffentlich verbietet das nicht irgendein teutonischer Schwarzmaler als gefährliches Teufelszeug mit Migrationshintergrund ...
Ein spannendes und hochverdichtetes neues Jahr 2011 wünscht,