Kleine Krauter

Kleine Krauter

Ob Massenmotorisierung oder Baumpflege, ob Rasenmäher oder Schlauchboot: kleine Krautmotoren bringen Dynamik. Und wenn’s klein und leicht sein soll, ist der Zweitakter immer noch Spitze. Mit Deutschland als Weltmeister

Die Rennsaison läuft wieder. In der Straßenweltmeisterschaft erstmals ganz ohne Zweitakter, da nun auch bei den Kleinsten, genannt Moto3, mit 250er Viertaktern. Zugegeben, diese Klasse verspricht extrem spannend zu werden. Anders als im Moto2 Honda-Cup geht’s hier auf echten Prototypen zur Sache, mit einer Horde junger Wilder im Sattel, die sich noch nie ’was geschenkt hat. Außerdem ist das für die wirklich großen Märkte ein wichtiges Wettbewerbsfeld, denn die Mehrheit der Welt braucht nun mal keine Hightech-Superbikes, sondern kleine Motorisierung vom Schlage einer Honda Cup: Die ist mit über 60 Millionen verkauften Exemplaren das erfolgreichste Fahrzeug der Geschichte! Nicht ohne Grund kooperiert KTM mit Bajai in Indien für neue 250er. Schade halt, dass damit für europäische 16-Jährige keine entsprechende Rennserie mit 125ern mehr tobt.

Denn wie war das damals mit unseren 50ern? Ich erinnere mich an ideologische Grundsatzdiskussionen in verrauchten Kneipen zwischen den Verfechtern der Weltmeister-Marke Kreidler, deren Serienblech freilich wenig mit der Van Veen-Hornisse zu tun hatte, Zündapp-Freunden, die auf zig internationale Geländemeisterschaften pochten, und Hercules-Sachs, dem größten Motorenhersteller der Welt. Sachs belieferte von Casal in Portugal über Österreichs KTM bis Monark in Schweden den gesamten Globus. Und Zündapp befeuerte u.a. Laverda in Italien oder die englischen Rickmann-Metisse. Der deutsche 50-250 ccm Zweitakter war die Messlatte für den Rest der Welt. Begonnen hatte alles in Zschopau, wo Hugo Ruppe nach dem Ersten Weltkrieg seinen simplen und leistungsstarken Kleinmotor zum Verkaufsschlager machte und die DKW RT 125 zum meistkopierten Motorrad der Welt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte MZ diesen Weg auf der östlichen Seite des Zauns durchaus erfolgreich fort. Die einzigen dumpf klingenden Viertakter mit kleinen Hubräumen kamen bis in die 1980er Jahre von Honda und Exoten wie Moto Morini. Doch wer fuhr schon eine Honda SS 50 oder Morini Corsarino? Was zwischen Kreidler-, Sachs- und Zündapp-Fraktion am Stammtisch nicht geklärt werden konnte, wurde auf dem Nachhauseweg ausgefochten. Wie wir Jungs tickten, schnallten die Verantwortlichen freilich nicht im Geringsten. Während Yamaha die Jugend mit schicken Straßenmaschinen und Enduros der RD- und DT-Reihen von 50 bis auf 400 ccm zu führen wusste, starb Kreidler 1982 und Zündapp wurde 1984 nach China verramscht. Sachs hat sich als Hersteller hervorragender Stoßdämpfer etabliert, doch längst vom Motorenmarkt verabschiedet.

Da ist es doch schön, dass wir noch Papst sind: Godfather of Chainsaws, die Herren der Motorsägen. Denn das Prinzip der Kettensäge hat der Würzburger Arzt Bernhard Heine bereits 1830 erfunden, um Knochen zu teilen. Und noch vor 1900 kommt auch im Wald die reine Handarbeit ins Hintertreffen und wird von den sogenannten Sägemaschinen abgelöst. Zunächst Zentner schwere Monstergestelle, die nur von zwei Mann zu bedienen sind, nimmt mit dem Siegeszug des Zweitakters ab den 1920er Jahren die Kettensäge sukzessive ihre heutige Form an: Das Hamburger Unternehmen Dolmar bringt im Jahr 1927 die erste serienmäßige Säge mit Benzinmotor. Bereits im Jahr zuvor war als deutsche Pionierleistung die erste Kettensäge mit Elektromotor in die Geschichte eingegangen, als Andreas Stihl sein Unternehmen in Stuttgart gründete. Schon vier Jahre später exportiert Stihl seine Baumfällmaschinen in die USA und die junge Sowjetunion. Und mit Dolmar und Stihl an der Spitze geht’s weiter, wozu sich ab 1948 mit Solo in Sindelfingen und Werus im thüringischen Steinbach-Hallenberg weitere deutsche Hersteller gesellen : Ab 1952 produziert Dolmar seine Benzinmotorsäge für Einmann-Betrieb, während Werus ein Gerät mit schwenkbarem Vergaser baut, um mit derselben Maschine horizontal und vertikal sägen zu können. Denn erst Ende der 1950er Jahre wird mit dem im Flugzeugbau entwickelten Membranvergaser der vollständig lageunabhängige Betrieb der Motorsäge möglich. Die Ersten dieser Art in Europa sind 1957 die Dolmar CF, 1958 die Rex von Solo und 1959 die Contra von Stihl. Die Solo Kleinmotoren GmbH der Brüder Hans und Heinz Emmerich widmet sich übrigens neben Rasenmähern von Beginn an auch dem Motorrrad und schafft beispielsweise die Basis für den späteren Heinkel-Roller. Ab 1971 werden eigene Mofas und Mopeds gebaut, und 1972 mit der Solo Electra das erste serienmäßige Elektro-Zweirad der Welt. Einen anderen wahrlich außergewöhnlichen Markstein setzt Dolmar: Zusammen mit Andi und Rötger „Brösel” Feldmann entsteht die Dolmette, ein Motorrad-Dragster mit 24 Kettensägenmotoren. Wie es sich gehört, müssen die alle einzeln per Seilzug gestartet werden. Entsprechend sind die 24 verschiedenen Zündzeitpunkte nicht synchronisiert, doch kommen bei einer Durchschnittsdrehzahl von ungefähr 15.000 /min immerhin 170 PS (125 kW) auf die elf Doppelzahnriemen zwischen den kreischenden Aggregaten und schließlich zum Zahnriemen-Endantrieb. Das Rennen auf dem Lausitzring im September 2004 verläuft zwar nicht im Sinne von „Werner”, doch der optische und akustische Auftritt des vier Meter langen Monsters ist beeindruckend.


Da bei Motorsägen hohe Leistung und geringes Gewicht eine besonders effektive Symbiose eingehen müssen, ist hier trotz E-Motoren der Zweitakter noch immer die Speerspitze. Seinen Nachteil der geringeren Umweltverträglichkeit gleicht Stihl 1988 mit dem weltweit ersten Katalysator für Zweitaktmotoren aus. Er reduziert die Kohlenwasserstoffe um 80%, und die Stihl 044 C ist die erste Motorsäge mit Kat. Seit 1995 ist zudem die Stihl 023 L die leiseste Benzinmotorsäge und arbeitet kaum lauter als eine mit Elektromotor. Klar bauen längst auch Honda oder Yamaha kleine Aggregate, vom Rasenmäher bis zum Bootsaußenborder. Doch während das deutsche Kleinkraftrad versunken ist wie die unsinkbare Titanic, mischen Dolmar, Solo und Stihl weiter ganz oben mit. Stihl hat Niederlassungen in ganz Europa, in Argentinien, China, Kanada, Japan, Russland, Neuseeland, Südafrika oder der Ukraine. Mit über 40 Millionen verkauften Kettensägen und rund 350.000 Stück jährlich ist Stihl der größte Motorsägenhersteller der Welt.

Krautmotors rules!,