Motorrad der Zukunft

MOTORRAD DER ZUKUNFT

Parkraum ist teuer und Stau die Norm – da hilft auch das Elektroauto nicht. Also haben wir Lust auf schlanke Alternativen und laden zum Austausch und Mitmachen

Der Kostenfaktor Parken wächst weltweit, und die meisten fahren mit dem Auto kaum zehn Kilometer täglich. Also begünstigen global immer mehr Metropolen das Zweirad als flinke und sinnvolle Alternative: Die Niederlande geben Radwege für S-Pedelecs (bis 45 km/h) frei, London hat seit Sommer 2012 seine Busspuren für Motorräder geöffnet, in den USA sind Motorräder schon lange vielfach von Brücken- oder Highway-Maut befreit, in Österreich dürfen Motorradfahrer seit 2011 offiziell am Stau vorbei bis zur Ampel vorfahren. Die Stadt Wien gießt ganz öffentlich Schmäh über die Autofahrer und inseriert trotzig in österreichischen Motorradmagazinen. Das stelle man sich mal hierzulande vor ... Zweifellos ist dort hilfreich, dass mangels Autoindustrie keine entsprechende Erpresserlobby in der Politik wütet. Dennoch beschämt es, dass die Alpenjodler solche innovativen Freiräume ebenso leichtfüßig hinbekommen wie das Wechselkennzeichen, das unser Amtsschimmel nach jahrelangem Gezerre bis zur vollkommenen Sinnlosigkeit verkompliziert hat. „Überorganisation” nannten die Deutschen einst ihr eitles Kompetenzgerangel beschönigend. Immerhin hat der Deutsche Städtetag die grundsätzliche Erweiterung des Autoführerscheins auf Leichtkrafträder bis 125 ccm befürwortet, aber wirklich prominent ist das nicht in der Öffentlichkeit.

Stattdessen wird das Elektro-Auto herbei fantasiert, dem nicht nur genauso der Parkraum, sondern gleich noch die Infrastruktur fehlt. Klug durchdacht. Von einheitlichen Systemen ganz zu schweigen: Die französische Industrie präferiert Batterie-Leasing seitens Zulieferern, die deutschen Autobauer wollen dieses Geschäft keinesfalls aus der Hand geben und basteln an eigenen Lösungen. Die wird man mit Sprüchen und Studien noch eine Weile vor sich herzuschieben wissen. „Die Autoindustrie ist in einem nie dagewesenen Umbruch”, analysierte Daimler-Manager Klaus Entenmann beim E-Mobility Summit 2012 in Berlin. „Das Elektrozweirad wird kommen.” Aber Hallo, Mercedes! Revolutionäre Worte im Zeichen der Nobelkarossen. Doch mit Verlaub, Herr Vorstandsvorsitzender der Daimler Financial Services: Es ist schon längst da. Da sind laut ADAC inzwischen 600.000 Pedelecs, die als moderne Mopeds weiterhin zweistellige Zuwachsraten verzeichnen, wie zu Ludwig Erhards Zeiten die NSU Quickly oder Kreidler Florett. Da sind bereits käufliche E-Motorräder von Brammo über Quantya bis Zero, jüngst wurde in Mailand die CRP Energica als erstes italienisches Elektromotorrad vorgestellt. Da sind Scooter von Emco, MZ, Romet oder Vectrix. Und allen voran hat der alte Motorradpionier Peugeot bereits vor 17 Jahren mit Elektrorollern begonnen, während BMW erst für 2014 den Markt betreten will.
Den deutschen Starrsinn stur auf die Heilige Kuh Automobil zu richten, kritisiert u.a. Dr. Thomas Aubel, Vorstand im TÜV Rheinland. Er wünscht sich weniger vollmundige Propaganda und beschwört die Industrie: „Es gibt Länder, da transportieren Händler ihre Ware auf dem Fahrrad. Selbst in manchen EU-Staaten machen Sie Leute schon mit einem Lastendreirad glücklich!” So isses, Herr Aubel, da kann ich nur zustimmen. Denn es gibt wahrlich gute Gründe, weshalb die Honda Cup 110 das mit Abstand meistverkaufte Kraftfahrzeug der Geschichte ist: über 60 Millionen! Das ist fast so viel wie die beiden Autospitzen Toyota Corolla (37 Millionen) und VW Golf (29 Millionen) zusammen. Zu den Topsellern aller Fahrzeuge zählt auch die Vespa, die mit über 17 Millionen die Autolegende Ford-T (16 Millionen) hinter sich lässt. Die Akzeptanz des motorisierten Zweirads ist also klar belegt. Und bei aller persönlichen Freude an Elektromopeds wie KTM eGnition oder der schwäbischen Elmoto bin ich der Ansicht, dass zwischen solchen E-Hüpfern einerseits und fragwürdigen Sechsendern wie BMW K 1600 GT andererseits noch reichlich Entwicklungspotential fürs Motorrad steckt.
Der indische Autohersteller Bajaj baut bereits mit KTM leichte konventionelle Motorräder für einen begierigen Markt: Die kleine Duke 125 / 200 visiert 100.000 Stück jährlich an. Keine Utopie, angesichts zweistelliger Wachstumsraten und aktuell 1,2 Millionen neu verkaufter Motorräder in Indien. Nachdem sich nun via Audi der zweitgrößte Autokonzern der Welt Ducati geschnappt hat, pfeifen es endgültig die Spatzen von den Dächern: Das Kraftrad erfährt in Metropolen und Schwellenländern einen Wachstumsschub als Nutzfahrzeug. Sei es zum Familie transportieren oder Parkplatz sparen. Entsprechend strickt man in Ingolstadt dem Vernehmen nach an zukunftsfähigen Konzepten, die statt Elektrischer Steifheitsprogrammierung (ESP) lieber sportliche Schräglage bieten. Man darf gespannt sein, was die Herren der Ringe aus dem Hut zaubern werden, damit’s zum Image des Hauses passt. Hinweis am Rande: Für den VW-Konzern ist - nach China - der zweitwichtigste Markt in Brasilien. Dort geht’s nicht um „Premium”-Gesülze mit elektronischen Fahrassistenten und Warngebimmel aus allen Ecken des Blechkäfigs, sondern um stabile Schlichtheit. Und in Südamerika sind ebenfalls Motorräder von 125 bis 400 ccm die Norm.


Also glaube ich für meinen Teil, ein Blick über unseren Tellerrand lohnt, wenn wir mit stolz geschwellter Brust grade mal 6.500 verkaufte BMW 1200 GS zählen: Royal Enfield verkauft 150.000 Motorräder jährlich ... Da der ehemals britische Dampfhammer trotz Modernisierung wahrlich nicht auf der Höhe der Zeit ist, frage ich: Müssen wir selbstgerechten Schlafmützen wirklich alle Tatkraft den Österreichern überlassen? Oder wie könnte ein erfolgreicher Krautmotor fürs 21. Jahrhundert aussehen? Wie steht’s um unseren „Vorsprung durch Technik”? Ist das mehr als ein netter Spruch?
Dazu tausche ich mich am Freitag, 30. November 2012, auf der CUSTOMBIKE-Messe in Bad Salzuflen (www.custombike-Show.de) mit interessierten Kreativen aus. Wer mitmachen will und gleich noch Klamotten für die kalte Jahreszeit braucht, kommt zu KRAUTMOTORS an den Messestand A 15.

Bis dahin fröhliches Vorglühen wünscht,