Quartermile

Quanten und Quartermile

Unser vorgegebener Kurs befahl uns zum Race 61, und Rolf rotierte dabei so schnell, dass er aus der klassischen Mechanik geschleudert und als Parallelexistenz gemessen wurde. Würde die Macht mit ihm sein?

Manchmal ist es doch zu spät für eine glückliche Kindheit. Michael Jackson ist so ein weiteres tragisches Beispiel fürs falsche Leben. Wegweisende Performance ja, aber ein Idol? Einer der Angst vor frischer Luft hatte und nur mit Mundschutz vor die Tür ging? Nicht eher einer wie Ernst Henne? Der riskierte sein Leben, wurde auf dürren Holzreifen der schnellste Motorradfahrer der Welt – und 101 Jahre alt!Genoss den Lebensherbst in südlicher Sonne, statt sich im Neverland mit einem Affen einzuschließen. Lasst mal denken, ihr Kinder-Caster und Leistungserzieher. Und von wegen die Macht des Willens und so’n ideologisch gezapftes Gebräu. Schon die Herrschaften, die das auf ihre braune Fahne geschrieben hatten, stießen nach zwölf Jahren kläglich an den größeren Willen der anderen, die keine Sklaven sein wollten. Hättense mal im Geschichtsunterricht beim Thema Spartacus besser aufgepasst, statt sich Morphium zu spritzen. Na, und heut e erklären uns die Neurobiologen, dass es freien Willen überhaupt nicht gibt, alles bloß eine Gaukelei unseres Gehirns, damit wir uns wohlfühlen in der herrschenden Matrix des Universums. Juristen fragen erstaunt, ob sie jetzt das Strafrecht abschaffen sollen, und der pubertierende Nachwuchs hat eine Steilvorlage für seine miese Laune: „Das bin ich gar nicht!”

Nun, es steht also fest, dass es keine Frage des Willens war, sondern eine Antwort des Müssens. Wir mussten ins Paradies einkehren, um den Heiligen Gral der Beschleunigung zu suchen und den Händen Unwürdiger zu entreißen. Das Glück zwingt uns auf diesen Weg einer verantwortlich gelebten Kindheit bis zur letzten Ölung. Also ein paar Tropfen auf den Gasgriff und ab nach Finowfurt nördlich Berlins. Dort öffnet jeden Juni auf einem ehemaligen russischen Militärflugplatz das „Roadrunner’s Paradise”, und beim Race 61 balzen Fahrzeuge bis Baujahr 1961 auf der Achtelmeile. Dabei genügt es je nach Klasse völlig, dass die Rahmennummer vor diesem Datum gestanzt wurde – die technische Fantasie hat mehr Freiraum als in der Formel 1.
Entsprechend skurrile Gewächse sieht man. Lastwagen, bei denen die Ladefläche kleiner ist als die Doppelvergaser. Fahrräder mit mehr Motortechnik als eine Van Veen-Kreidler. Ein 51er Lincoln, bei dem Rost die einzig sichtbare Materie ist. Ein 1932er Wanderer-Cabrio, das nur mit offenem Verdeck geschaltet werden kann. Man sieht Krautmotoren von Awo bis Zündapp, darunter so Raritäten wie den Indian-Klon Mabeco. Und vor allem natürlich viel Motor für wenig Strecke. Auch der Wehrmachtsrahmen unseres Rolf beherbergt ja einen Reaktor, der weiland Kradmelder schneller gemacht hätte, als Stalin Orgel spielte.
Im Klassenkampf bewies dann eine mörderische Vespa, dass die Welt auf dem Rücken einer Schildkröte transportiert wird. Jedenfalls die Welt unter 500 Kubik. Über die gefahrene Achtelmeile schnupfte das aufgepumpte Vieh alle Caféracer und übte mit einem überlegenen Sieg späte Rache für die Prügelei von Brighton. Klar, auf der vollen Länge des genormten US-Häuserblocks von einer Viertelmeile würde die Wespe vermutlich an den Ereignishorizont fliegen, den sie nicht überschreiten könnte. Aber 200 m unter neun Sekunden sind eine deutliche Sprache, die eine kurze Übersetzung kaum erfassen kann. Bei den Big Bikes gibt es sowieso Waffen, für die das Wort Beschleunigung zu langsam ist. Die geben nicht Gas – die sind einfach weg. Eben noch am Start, kurzes Aufbrüllen, Ziel. Da Top Fueler nicht erlaubt sind, ist umso erstaunlicher, was gut belüfteter Hubraum zu leisten vermag.

Schickes kann man auch aus Krautmaterial flexen

Die aus der Nachbarschaft in braven Käfigen angelieferten Kleinbürger haben keine Ahnung, wieso ein süßes Schnauferl aus den Zwanziger Jahren ohne Motorhaube so biestig röchelt. Aber sie fühlen instinktiv, dass es ihren Ford Mondeo trotz dessen teuer bezahlter Sonderausstattung zum Frühstück inhalieren würde. Und wenn dann der Christbaum auf Grün und das Starter Girl mit wehender Flagge in die Luft springt, dann wissen sie zwar immer noch nicht, was das eigentlich ist. Aber die Erkenntnis, dass so ein dampfender Big Burger auf Leiterrahmen furchtbar austeilen kann, brennt sich in ihre ängstlichen Seelen. Auch sie haben ja keinen freien Willen. Sie müssen sich dieses Spektakel ölverseuchter Gehirne ansehen, wie zermatschte Körper nach einem Autobahnunfall. Wie die Gesetze des Universums wirken, lässt sich leicht beobachten: „So Papa, und nach dem Rennen fliegen wir mit dem Doppeldecker”, weiß ein Zwölfjähriger neben m ir, wo’s lang geht. „Deine Mutter hält mir wieder ne Standpauke, wenn ich dich zurück bringe”, wehrt sich der Wochenendvater nur rein formal. Männerherzen sind größer als der Erziehungswille armer Mütter, und alles geht seinen unvermeidlichen Gang.
Doch die größte treibende Kraft im Kosmos ist Dunkle Energie, das wissen wir und wissen somit eigentlich garnix, außer dass scheinbar nur der Zufall wirkt. Arten kommen und gehen, und welche überlebt, bestimmt die Evolution. Wer immer das ist. Ein Photon kann sogar linksrum und rechtsrum gleichzeitig rotieren, für unser Hirn vollkommen unlogisch. Vollkommen unlogisch war für Rolf auch, dass er alle seine zwei Vorläufe gewonnen hatte, aber trotzdem ausschied. Und er rotierte entsprechend. In diesem Moment war es schwierig, ihm das mit der Dunklen Energie zu erklären, der sich auch die Rennleitung nicht entziehen kann. Und es war ihm wenig Trost, dass er gleichzeitig Sieger und Verlierer sein kann, somit also die seltene Gabe besitzt, unsichtbare Quantenphysik ins soziale Leben zu teleportieren. Während also dank der Listenlotterie der Sportkommissare der mehrfach Geschlagene aufs Podest durfte, kühlte Rolf seinen gefährlichen Überdruck mit G erstensaft. Auch das ist ein Naturgesetz, dem sich Burschen nur im sterilen Laborversuch entziehen können.
Die Welt ist ein Drehschieber und der Gasgriff des Herrn stets für uns geöffnet. Nächstes Jahr werden wir wieder ins Paradies ziehen, so wie das jährliche Hochwasser des Nils fruchtbaren Boden bringt. Wir werden uns aus dem niemals zu leerenden Kelch der Geschwindigkeit berauschen und uns an süßem Adrenalin laben. Wir werden mit unseren Glücksrädern Weihrauch spenden, und den anderen werden die Glocken läuten. Und wir haben keinen Willen zu siegen. Es wird einfach geschehen.