Salz und Roter Pfeffer

Salz und Roter Pfeffer

Der Gott der Geschwindigkeit mag scharfe Gewürze, und heiliger Boden ist besonders fruchtbar. Dass wir in Bad Salzuflen in die Startblöcke gingen für den Salzsee in Bonneville, kann kein Zufall sein. Rote Nasen und Salz, das kann man auch ganz anders abmischen als üblich

Schon zum Abschluss des letzten Gerichts würzte ich mit der Zutat, dass wir auf der CUSTOMBIKE 2011 rumlungern werden und mental auf den Salzsee in Utah fokussieren. Rolf musste eh nach Bad Salzuflen, weil er im jährlichen Custombike-Wettbewerb mit seiner BMW Vierventil-/5 den sechsten Platz belegt hatte, und vor Ort Urkunde und zugehöriges Geschmeide von Martin „Frau” Reuter in Empfang zu nehmen hatte. Immer diese gesellschaftlichen Verpflichtungen. Andererseits eine ideale Gelegenheit für meditative Kontemplation, gibt es doch kaum einen stilleren Ort als eine Motorradmesse, in der sich die Gemeinde vor Sex and Bikes and Rock’n’Roll verneigt. Denn der eilige Stuhl, dem Rolf zur Zeit einen purpurnen Umhang strickt, soll die 200 mph knacken, also schneller als 322 km/h rauschen. Petri heil!

Es geht um den langnasigen Ducati-Twin des Teams um Günter Retsch aus Achern, der bislang in der Dragster-Europameisterschaft donnerte. Auf dem Weg von der Beton- zur Salzpiste gilt es nun natürlich einige Feinheiten frisch abzuschmecken, eben beispielsweise die Aerodynamik. Außerdem ist die Rekordstrecke definitiv länger als eine Viertelmeile, und das Ding soll unterwegs ja nicht verrosten. Ihr wisst schon, Salzfraß und so. Ganzjahresfahrer kennen das, wenn sie nach dem Ritt zu Kristall-Rallye, Elefantentreffen oder Augustusburg wieder das Aluminium unter den grauen Kristallen finden müssen. Bei der Gelegenheit: Es gibt seit letztem Februar einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord auf Eis. Aufgestellt auf der gefrorenen Ostsee vor der Küste Finnlands vom vierfachen Rallye-Weltmeister Juha Kankkunen im Bentley Continental, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 330,7 km/h (205,5 mph). Für Motorräder hat bereits im März 2009 Stuntfahrer Craig Jones mit einer Buell 1125 R in Schweden die Messlatte auf charmante 239,3 km/h (148,7 mph) gelegt. Nicht schlecht, als Kraftradler auf Glatteis. Wir erinnern uns an Ernst Henne und seine BMW, der 1930 ebenfalls in Schweden den eisigen Weltrekord mit 198 km/h eingefahren hatte. Also die Mär, man könne im Winter keinen Motorradspaß haben, glauben nur Leute, die aus Angst vor echtem Sex lieber mit sich selbst spielen. Dabei gilt im Gegenteil: Das Erlebnis wird intensiver und gesünder, Herz und Kreislauf kommen richtig in Schwung. Zumal der gyroskopische Effekt der rotierenden Räder die einspurige Fahrt stabilisiert – je schneller, desto sicherer. Mit dem Grip muss man halt ’was machen ... Apropos Winter und BMW: Weiß jemand, warum die neue 1000 RR für 2012 Heizgriffe hat? Wollen die uns auf’s Glatteis schicken? Den Weltrekord wieder nach München holen? Einen Eissee-Modus hat das Mapping jedenfalls nicht ...

Wie dem auch sei. Zurück zur süddeutschen Ducati-Schote, der auch ein Salzsee-Modus in der Elektronik fehlt. Dennoch ist es eine lösbare Aufgabe, die 200 mph zu verspeisen. Denn einen Zweizylinder auf über 300 km/h zu beschleunigen, gelang schon 1955 dem Texaner Johnny Allen mit seiner 650er Triumph. Dessen Methanol befeuerter „Devil’s Arrow” wurde im folgenden Jahr von Wilhelm Herz und NSU geschlagen, bevor Allen im September 1956 nach Bonneville zurückkam, um 344 km/h (214,7 mph) zu erreichen. Von der FIM als Weltrekord nicht anerkannt, stellte vier Jahre später Bob Leppan aus Detroit mit seiner Gyronaut X-1 und 395,3 km/h (245,66 mph) endgültig die Sachlage klar, jedoch mit Hilfe zweier 650 ccm Triumph-Motoren. Zwei Motoren dürfte das NowSalt-Team aus Achern ebenfalls nutzen, das erlaubt der Start in der vorgesehenen Klasse APS-BG, was teilverkleidetes Motorrad mit Aufladung und handelsüblichem Treibstoff bedeutet. Doch Günter und seine Mannen setzen 2012 auf ein Ducati 916-Aggregat des früheren Superbike-Fahrers Udo Mark, das bei Schmieder Racing auf 955 ccm aufgebohrt wurde und mit einem Gerret-Turbolader zusätzlichen Pfeffer bekommt. Der Pepe Rosso nach Württemberger Art zergeht auf der Zunge mit scharfem Abgang und ist beileibe kein Würstchen im Schlafrock. Damit die scharfe Schote an Salzteig aber nicht nur die erste Stufe über 200 mph zündet, sondern noch den aktuell gültigen Bestwert bis 1000 ccm von Amo Guthrie und seiner Kawasaki schlägt, muss sie 230,711 mph rennen, also 370,15 km/h. Starker Tobak! Damit hätte sie neben dem neuen Weltrekord noch den inoffiziellen Titel „Worlds fastest Ducati” nach Deutschland geholt. Den darf bislang die Desmosedici für sich in Anspruch nehmen, seit 2004 Loris Capirossi in Barcelona mit 347,4 km/h mit einem Millionen Buget und dem V4 (NowSalt fährt V2) den Geschwindigkeitsrekord für MotoGP-Bikes aufstellte.
Im Winter wird’s dem NowSalt-Team also nicht langweilig werden. Nach den ersten Entwürfen wurde die Version 3.0 von Rolf ReicksVerkleidungsdesign durch Oliver Ilbig in 3D erstellt, und der Fortschritt lässt sich auf www.nowsalt.de verfolgen. Kein Geringerer als Bimota-Legende Massimo Tamburini antwortete einmal auf die Frage, was er für ideal hielte: „Ein italienisches Motorrad, das in Deutschland gebaut wird.” Wohlan ...
Übrigens ist der von Burt Munro mit seiner „World’s fastest Indian” im Jahre 1967 aufgestellte Rekord der Klasse S-F noch immer gültig: 183,586 mph (295,44 km/h). Ich glaube, den fasst man einfach nicht an. Das gehört sich nicht. Oder würde jemand den Kölner Dom abreißen, bloß weil man heute anders baut ?

Als Ganzjahresfahrer mit Ambitionen abseits der Straße sag’ ich:
Salz gehört nicht auf die Straße – es ist die Straße.


Frohes Fest!