Scharfe Fahrzeuge

Scharfe Fahrzeuge

Ob es demnächst eine „Meerrettich 750 mit Hanf-Tuning” gibt, sei dahin gestellt. Jedenfalls wird Leichtbau zu einem ganz neuen Genuss, wenn das Wort Bodenschätze immer stärker biologisch aufgeladen wird

Launisch wie der Sommer 2012 ist auch der Mensch. Schwankt zwischen sonnigem Gemüt und Gewitterstimmung, handelt von stümperhaft bis genial. Von Dilettanten hatten wir’s voriges Mal, und es gäbe mehr zu sagen. Wenn beispielsweise Artikel 1 unserer Verfassung – „Die Würde des Menschen ist unantastbar” – in der politischen Praxis umgeschrieben wird in „Die Wünsche der Märkte sind unantastbar”. Finanzfaschismus hurra! Marktführer befiehl, wir folgen dir. Passend hat sich die Behörde „Verfassungsschutz” gleich selbst ad absurdum geführt. Während unsereiner gefälligst jeden Einkommensbescheid Jahrzehnte lang aufzubewahren und alle TÜV-Fetzen mit sich zu führen hat, schreddern die staatlichen Aufpasser flugs ihre Unterlagen, sobald’s unangenehm wird. Und in Thüringen torkeln wohl nur betrunkene Alzheimer durch die obersten Amtsstuben, fasst man die Nicht-Aussagen im Untersuchungsausschuss zusammen. Längst steht NSU für „Nichts Sinnvolles unternommen” und leider nicht mehr für einen großartigen Fahrzeughersteller.

Womit ich die Wolken beiseite schiebe und zunächst dieses Kürzel ins leuchtende Auge fasse. Der Frankfurter Helmut Wicht nimmt’s nämlich mit Humor und stellt auf seiner NSU 501 OSL unter anderem mit Edding geschrieben die Frage: „NSU - zum TÜV oder Verfassungsschutz?” Sein aufgepumpter Vorkriegsbolide im „Schwein-Design” (Copyright) rennt wie die Darmflora nach einer Flasche Rizinusöl. Die gedopte Oma mit armdicken Krümmern lässt zwar gelegentlich was unter sich fallen, hält aber ansonsten dem Blick teutonischer Techniküberwachung und Buckelpisten vierter Ordnung stand, trotz Starrrahmen. Das konnte ich erfahren, als ich Helmut und seine Strickmaschine ein Stück in Lothringen begleitete.
Selbst saß ich auf einer BMW S 1000 RR, vorläufiger Höhepunkt des deutschen Kraftrads. Mit ihren rund 200 PS mal schnell von Rügens Kreidefelsen zum Schwarzwälder Feldberg, auf dem Superbike durchschneidet man das Land wie das berühmte heiße Messer die Butter. Ich gebe unumwunden zu, dass meine Fähigkeiten dieses Gerät bei weitem nicht ausschöpfen können. Dennoch erspürte ich auf der leeren A71 mit Schräglage bei Tempo 250 eine ganz persönliche Lebenspremiere. Sie beweist, welche Möglichkeiten die fantastischen modernen Fahrwerke eröffnen. Dabei sollte der persönliche Charakter immer stärker sein als die Motorleistung! Denn alle Hightech ändert schließlich nicht die Physik: So war ich an anderer Stelle heilfroh, mich ans Tempolimit von 80 km/h gehalten zu haben, als ein Lkw-Reifen platzte und ich der über meine Fahrbahn fliegenden Lauffläche ausweichen konnte. Entgegen einem Werbespruch ist das Leben nämlich kein Spiel. Umso schöner also, dass die RR nicht fordernde Diva ist, sondern gutmütiger Sklave: Unglaublich, wie sich dieser bayrische Kraftprotz von 1.000 - 16.000/min deinem kontrollierten Willen unterwirft. Kurz danach ritt ich gleich noch die V4-Aprilia und hatte so einen Sommer voll zweirädrigem Referenzmaterial. Bietet doch das SBK-Duell zwischen Max Biaggi auf Aprilia RSV4 und Marco Melandri auf BMW RR grade Motorsport vom Feinsten. Umso schärfer, da hier inzwischen zwei Vertreter der Ü40-Generation um die Krone kämpfen: die coolen Hechte im Karpfenteich des Jugendwahns. Zu meinen beiden Ferienerlebnissen gibt’s übrigens demnächst mehr im gedruckten Motorradmagazin MO.


Die Jugend als Träger unserer Zukunft wollen wir selbstverständlich ebenso ehren. Dass Sandro Cortese als erster Deutscher auf dem modernen Sachsenring gewonnen hat und seither die Moto3-Weltmeisterschaft anführt, ist aller Ehren wert und ein weiteres Sommermärchen. Der 22-jährige Schwabe, als Speerspitze einer ganzen Horde junger Wilder, fährt in den Spuren von H.P. Müller, Werner Haas, Ernst Degner, Hans Georg Anscheidt, Dieter Braun, Toni Mang und Dirk Raudis. Stefan Bradl hat sich ja bereits bei den Champions eingereiht und am Sachsenring den neunmaligen Weltmeister Valentino Rossi geschlagen.
Die Zukunft kann überhaupt scharf werden: mit Meerrettich. Wir erinnern uns an die IAA 2011, wo die Kardanwelle aus Hanf namens „Bioprop” von IFA Rotorion vorgestellt wurde. Im Gegensatz zu Produkten aus Kohlefaser ist sie vollständig wiederverwertbar und rund 30 Prozent leichter als eine konventionelle Stahlwelle, ohne Abstriche bei der Festigkeit. Dafür erhielt die Traditionsfirma aus Sachsen-Anhalt jüngst eine Auszeichnung beim Bundesinnovationswettbewerb. Jetzt haben Ingenieure der Hochschule Zwickau mit Merrettich eine noch leichtere Basis für Faserverbundstoffe gefunden: Die Stängel der Merrettichwurzel sind mit ihrer Hohlstruktur nur halb so dicht wie Hanf und damit ideal für Leichtbauteile. Naturfaserverstärkte Kunststoffe (NFK) finden zunehmend Anwendung in der Automobilindustrie, z.B. bei Türverkleidung oder Armaturenbrett. Ebenso wären Motorradteile möglich – so sind wir bloody Krauts. Nach frühen Versuchen von Henry Ford in den 1940ern werden heute Lkw-Kabinen aus NFK mit Baumwollfasern hergestellt. Bekanntes historisches Beispiel ist die Karosserie des Trabant, der ja einst in Zwickau gebaut wurde. Anders als Baumwolle wächst Meerrettich jedoch in Deutschland, vorrangig in Baden, Franken und Spreewald. Das ist doch mal Wachstum, das nicht bloß von hohlen Phrasen genährt wird.
So, jetzt trete ich erstmal Kohlefaser und Carbon-Look in die Tonne, stöbere nach Großmutters Meerrettich-Rezepten und koche mir einen Kotflügel. KRAUTMOTORS bleibt am Gas ...

In gesunder Verfassung grüßt,