Schild Bürger

Schilder-Bürger

Das Glück liegt auf der Straße. Als Schild daneben steht’s aber definitiv nicht. Unterwegs zwischen Ostsee und Alpen, offenbart sich die Verwirrung

Beim vorigen Mal tischte ich euch ja das traditionsreiche Schleizer Dreieck auf, als letzte deutsche Naturrennstrecke, und empfahl es als Leckerhäppchen mit Atmosphäre. So ein Landstraßenkurs hat einfach seinen besonderen Reiz, und ich persönlich mag die modernen Asphaltarenen mit mehr oder weniger ausgesperrten Zuschauern und grün angemaltem Teer als Auslaufzonen nicht besonders. Doch das Rad der Zeit dreht sich nunmal weiter. Und die Ära, wo ein paar Strohballen vor Bäumen und Häuserwänden aus einer Kreisstraße eine Rennstrecke machten, sind nicht ohne Grund vorbei. Andererseits kommt das vielleicht wieder, wird als ganz normale Sicherheitshysterie Vorschrift bei Ortsdurchfahrten. Und Fangzäune in der Landschaft.
Da ich das Motorrad durchaus als Auto-Alternative auch auf Langstrecke nutze, beruflich wie privat, habe ich mittlerweile einen guten Überblick über die Zustände in unserem Land. Dass auf der deutschen Autobahn angeblich kein Tempolimit gilt, jagt zwar US-Touristen einen Schauer über den Rücken, wird von realen Vielfahrern aber innerhalb kürzester Zeit als Legende entlarvt. Einer der letzten ungefilterten Kracher ist weitgehend die Ostsee-Autobahn A20, auf der mich aber Seitenwinde schon so heftig beutelten, dass ich bei Tempo 220 so weiß wurde wie die Verkleidung der HP2 Sport. Bahnkurven mit ordentlich Schräglage ermöglicht die A71 durch den Thüringer Wald, in den auf 80 km/h begrenzten und strengstens Radar überwachten Tunnels muss man aber Geduld praktizieren. Etwas erstaunlich mutet an, dass ausgerechnet die viel befahrene A5 zwischen Frankfurt und Darmstadt noch so unbegrenzt geföhnt werden darf, wie einst von Ernst Henne und Bernd Rosemeyer. Liegt aber vielleicht daran, dass sich die Blechlawine sowieso von selbst einbremst. Und ein ganz schräges Stück Beton ist für mich die A9 südlich von Nürnberg, wo einem die automobile Oberklasse nur so um die Ohren pfeift. Jenseits der 200 wird man nirgendwo anders so oft überholt wie hier. Da haben wohl die Testabteilungen von Audi und BMW ein Händchen drauf, dass kein Politiker ungebetene Schilder aufstellen lässt.

Und ungebetene Schilder gibt’s ja reichlich. Das sagt nicht die Raserlobby, sondern seit Jahrzehnten die Verkehrspsychologie. Statt den Wald zu lichten, bekommen die Fahrzeuge jetzt Verkehrsschild-Erkennung, weil nicht einmal mehr trainierte und hochkonzentrierte Jetpiloten checken können, was da in immer kürzen Abständen vor was auch immer warnt. Ist auf der Landstraße und in Städten alles nicht mehr zu koordinieren von unseren Synapsen. Dazwischen noch die Beschilderung zu IKEA und Werbung für die neuen Bikinis von H&M. Nun, ich orientiere mich zu meiner Sicherheit in erster Linie an der Verkehrslage, und nicht so sehr an Malerei. Aber als Brandenburger habe ich mir doch angewöhnt, mit Rücksicht auf meinen Geldbeutel Tempolimits einzuhalten. Wie dämlich sie auch sein mögen. Und das sind sie zunehmend.

So befahre ich auf dem Weg nach Leipzig schon lange nicht mehr die fast durchgängig mit Tempo 70 und Überholverbot kastrierte B2, sondern die kleinen Sträßchen östlich davon, die mit Tempo 100 verkehrsarme Motorradidylle bieten. Doch in den letzten Wochen hat’s mich fast in den Irrsinn getrieben. Es fing an mit einem frisch asphaltierten Radweg. Der liegt gut abseits der Straße, teilweise tief im Wald. Aber weil er nunmal bearbeitet wird, warnt ein Baustellenschild – und Tempo 50 ist vorgeschrieben. Von Horizont zu Horizont niemand zu sehen, aber stur 50. Und du kannst wetten: In irgendeinem Gebüsch zielen sie auf dich und deinen Geldbeutel. Gesteigert wird die Albernheit durch die Tatsache, dass in der Ortschaft zuvor 60 km/h erlaubt sind. Dann wurde die A111 geflickt. Nix Wildes. Ein paar Frostaufbrüche, die gestopft wurden, selten größer als ein Handteller, weit verstreut auf der Doppelspur. Folge: Tempo 40! Ich fass es nicht, 40 km/h auf einer ansonsten vollkommen normalen Autobahn. Und wir reden hier nicht von einer heftig befahrenen Verkehrsschlagader. Aber lieber ’ne verkehrsberuhigte Zone draus gemacht, mehrere Kilometer lang, wegen ein paar frischer Teerflecken. War’n die Schilder grad zu viel im Fundus des Straßenbaudepots, oder was ..? Wer nun belehrt, das sei doch nur zu meiner Sicherheit, der fahre bitte die L213. Die hat Richtung B96 eine nette zweimal 90-Grad S-Kurve, vor der nun ein Schild „30” steht. Ich denk noch: „Ach, hat’s wohl jetzt doch zu viele rausgebügelt ...” Denn der Haken kann für Ortsunkundige durchaus heikel werden. Ich bieg’ ins erste Eck – ha, begrüßt mich eine vollkommen mit Rollsplitt panierte Kehre! Nicht, dass zuvor ein Warnschild „Rollsplitt” mich oder unsichere Fahranfänger auf die Veränderung des Straßenzustands mitten in der Kurve aufmerksam machen würde. Leute, Leute ... ich als Brandenburger darf das sagen: Es gibt kein Bundesland, in dem die Straßenbeschilderung so abstrus ist, wie hier. Aber der Rest der Republik zieht nach, glaubt mir.
Ich sag’ ja nix gegen Tempolimits. Aber sie sollten der Sicherheit dienen, nicht der Verunsicherung. Und deshalb sollten sie einen gewissen sachlichen Bezug haben, nachvollziehbar sein, durch Wiederholung in ähnlichen Situationen verlässlich abgespeichert werden und so Vertrauen bilden.
Doch deutsche Beschilderung wird zunehmend so undurchsichtig wie die Telefontarife. Was war das früher so schön einfach: eine Einheit für 20 Pfennig, Ferngespräche schneller getaktet als Ortsgespräche - fertig. Auf der Straße genauso: Vor Einmündungen 70 und Überholverbot, dahinter wieder gesetzliche 100 und Ende. Kannste heute vergessen. An Bushaltestellen 70, auf der Autobahn 40, vor lässigen Biegungen leuchtfarbene Warnbaken und Blinklichter, vor einer frisch gesplitteten Kurve aber lieber kein Hinweis. Herr, lass Hirn regnen ...


Weil wir mit einer Landstraßenrennstrecke begonnen haben, ist das auch zum Ende passend. Also verheimliche ich nicht, dass Krautmotor Rolf natürlich am Glemseck war, wo inzwischen ja ordentlich Kaffee gerannt wird. Die Solitude war früher WM-Strecke – ihr wisst schon, mit Heuballen vor den Bäumen. Dann lag sie Jahrzehnte im Dornröschenschlaf, und kein Rapunzel ließ vom Boxenturm ihr Haar herab. Doch nun steppt dort Anfang September der Bär, mit Beschleunigungsläufen, Party, Männern, Mädchen und Motoren. Wildes Gedröhne auf abgesperrter Landstraße. Und das im saubere Schwobeländle ... Vielleicht ist ja sogar schon etwas Hirn vom Himmel getröpfelt ... Ich habe Hoffnung.

In diesem Sinne wünscht noch einen sonnigen September,