Schneller Erfolg

Schneller Erfolg

Wünschen wir uns das nicht alle: den schnellen Durchbruch mit scheinbarer Selbstverständlichkeit? Aus der Garage direkt zur Weltmeisterschaft, oder so. Wir feiern bei der Motorradschmiede Kalex und trinken Bier mit Helmut und Stefan Bradl

Bei Krautmotors liegt uns naturgemäß eine gewisse Dynamik besonders am Herzen. Ein Motor ist nunmal das Zusammenspiel von Konstruktion, Passgenauigkeit und Bewegung – je besser das Einzelne, desto schneller das Ganze. Wenn sich dann die Möglichkeit zur Party in einer deutschen Edelschmiede bietet, kann ich unmöglich Nein sagen. Also stürmte ich zum Rock’n’Roll ins lauschige Bobingen bei Augsburg, um die Saison bei Holzer-Motorsport und Kalex-Engineering zu starten.

Günther Holzer lebt seit Jahrzehnten Motorsport mit Leib und Seele. Der Öffentlichkeit am bekanntesten ist sein Unternehmen für das große Engagement in der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft im Auftrag von Opel, mit Fahrern wie Michael Bartels, Heinz-Harald Frentzen, Manuel Reuter oder Markus Winkelhock. Mit der Krise und Opels Ausstieg aus der DTM veränderte sich natürlich manches, doch für BMW und Opel ist Holzer im Motorsport weiterhin tätig und baut u.a. Rallye-Wagen (www.holzer-gruppe.com). Lange Erfahrung und Kenntnis des Rennbetriebs in Kombination mit modernsten Konstruktions- und Fertigungsanlagen haben längst internationale Kontakte ergeben, und so kommen von Holzer beispielsweise Titan-Teile für das Toro Rosso-Team der Formel 1. Dass Günther Holzer in seinem Herzen dem Motorrad verbunden ist und 1972 selbst Deutscher Enduro-Meister war, bot vor sechs Jahren einen idealen Nährboden für das Projekt von Klaus Hirsekorn und Alexander Baumgärtel (www.kalex-engineering.de).

Im Gespräch merkt man schnell, dass die Beiden unheilbar gaskrank sind. Klaus hat schon mit 16 Jahren sein neues Moped gleich auseinander gebaut, zum Ärger seines Vaters. Dabei waren seine Fähigkeiten unübersehbar: Öfters beim örtlichen Honda-Händler aushelfend, beschwerte der sich, Klaus nehme es viel zu genau mit seiner Arbeit, das könne ja kein Kunde bezahlen. Ab 1987 wurde dann das Sportengagement ernster, 1991 wischte erstmals Rennasphalt unter den Slicks durch, und in der ADAC-Rennsportschule begegnete das Talent Größen wie Martin Wimmer oder Harald Eckl. Doch Rennen ist ein teures Hobby. „Motorsport tut weh – finanziell, körperlich und arbeitstechnisch”, sagt Klaus.
Das gilt nicht minder außerhalb der Arena, beim Aufbau der Maschinen. Der entscheidende Schritt in diese Richtung wurde von Alexander verursacht. Denn dessen Hang zu exotischem Gerät hatte ihn sogar mal einen langgabeligen Triumph-Chopper bewegen lassen, und schließlich verliebte er sich in den Voxan Café Racer. Klaus fand das Ding eher schrecklich und Alex bestätigt immerhin: „Für die Rennstrecke taugte der halt nicht.” Also legten sie an den frischen Franzosen erstmals umfassend Hand an. Und beim Besuch des Sachsenring-Grand Prix 2005 fiel dann die Entscheidung: Wir bauen selbst Rennmaschinen! Da nach Opels DTM-Ausstieg eh Kapazitäten bei Holzer-Motorsport frei waren, gab’s nun unter dem Hallendach Platz für Motorräder, und kurzerhand wurde die Firma Kalex-Engineering gegründet. Deren erstes Produkt war die Kalex AV1 mit dem Aggregat der Aprilia RSV, die engagierte Hobbyracer sofort überzeugte. Inzwischen sind noch Ausbaustufen der Triumph 675 und der BMW S 1000 RR dazu gekommen. Der Knaller wurde aber natürlich 2010 der Einstieg in die Moto2 mit Sergio Gadea und Axel Pons als Piloten! „Eine neue Rennserie mit Einheitsmotor war natürlich ideal für uns”, blickt Klaus Hirsekorn ins vergangene Jahr zurück. Dabei darf man sich das nicht so locker vorstellen, dass sie einfach bei der IRTA anklopfen und sagen: Hey, wir möchten gern rein und mal Weltmeisterschaft spielen. Entsprechend kritisch schauten die Verantwortlichen, als die deutschen Neulinge mit einem eben erst fertiggestellten Motorrad bei den Testläufen aufschlugen. „Wir haben das Ding ausgeladen und sind sofort 80 Runden Renntempo am Stück gefahren. Da haben sie nicht schlecht gestaunt”, freut sich Klaus noch immer über den Coup. Ein zweiter Platz in Mugello belegt denn auch die Zugehörigkeit zur Weltspitze. Die lange Erfahrung im Automobil-Rennsport inklusive dessen Logistik und gleichzeitig umfassende Kenntnisse der Motorradtechnik sind der Knackpunkt für diesen durchschlagenden Erfolg, den andere nicht haben. Von 14 Herstellern im ersten Jahr sind 2011 nur neun übrig geblieben. So stellt Kalex jetzt vier Maschinen: neben den zwei fürs Pons-Team noch für Kiefer Racing mit Stefan Bradl und Randy Krummenacher im neuen Team Switzerland.


Klaus Hirsekorn und Stefan Bradl schauen in die Glaskugel

Nach nur fünf Jahren als kleiner Hersteller unter den Top Ten der Welt angekommen zu sein, mag wie ein Wunder klingen, ist aber vor allem das Ergebnis herausragender Fähigkeiten und enormer Anstrengungen. „Wir haben in den letzten zwei Jahren härter gearbeitet und mehr graue Haare bekommen als in allen Jahren zuvor”, betont Klaus in der Werkstatt, die nicht größer als die eines durchschnittlichen Motorradladens ist. Auch das erscheint zunächst seltsam. Doch wie sagte mir schon 1994 ein Insider, als Mercedes zu Mario Illien und Paul Morgan nach Brixworth ging, um sich dort Weltmeistermotoren bauen zu lassen: „Da fiel einigen Daimler-Konzernchefs die Kinnlade runter, dass Ilmor eine kleine Bude von drei Leuten ist.” Auch die Briten sind ja grade mal sechs Jahre nach Firmengründung in die Formel 1 eingestiegen und fuhren inzwischen noch im MotoGP. Es gibt eben zum einen Kerle, die haben’s einfach drauf und wissen, was zu tun ist. Und zum andern ist der Aufbau von Renngerät letztlich Garagenschrauben auf höchstem Niveau, das nichts mit Massenfertigung für Otto Nasenbohrer und Gaby Blümchen zu tun hat. Einzelanfertigungen, ständiges Schrauben und viel Kreativität heißen die Hauptaufgaben. Custombikes und Cars nach Kundenwunsch, aber halt verdammt leistungsfähige. „Die Arbeit von Klaus und Alex ist einfach klasse. Jetzt ist es mein Job, Weltmeister zu werden”, meint Stefan Bradl locker, bevor die Band los rockt. Bei deftiger Musik mit dem Bier in der Hand um die Motorräder rumstehen und Heldengeschichten erzählen – ein ganz normaler Garagenabend. So lieben wir das.

Tja, und mit Max Neukirchner auf MZ haben wir ja 2011 einen zweiten Deutschen auf heimischem Material in der Motorrad-WM. Zwei deutsche Rennfahrer auf deutschen Maschinen in der Weltmeisterschaft, das gab’s zuletzt vor 22 Jahren in der 80 ccm-Klasse, mit Peter Öttl auf Krauser und Ralf Waldmann auf Seel. (Jörg Seel ist ja immer noch unauffällig in der 125er WM präsent, den sollten wir auch mal besuchen ...) Abgesehen von der E-Münch, errang das letzte Mal ein Deutscher auf ’nem Krautmotorrad den Welttitel 1976: Rolf Steinhausen/Josef Huber auf König! Also Alex, Klaus und Stefan: über drei Millionen Motorradfahrer fiebern mit euch!

PS: Als genauer Zündzeitpunkt erscheint das neue Sauerkraut jetzt immer am ersten Samstag im Monat

 
Eine berauschende Saison wünscht uns allen,