Sound Teil1

Sound ist in, Teil 1

Die älteren Fahrer, also 98%, erinnern sich noch an die unsägliche Motorradpolitik der 1990er Jahre, als gegenseitige Denunziation unter Einspurigen als Gebot der Stunde ausgerufen wurde: Laut ist out. Heute rufen die gleichen Mahner in eine Wüste

Nachdem 1995 der Industrieverband Motorrad (IVM) die Aktion „Laut ist out” gestartet hatte, zierte fortan jede Motorradwerbung das entsprechende Logo mit dem Zusatz „Motorradfahrer nehmen Rücksicht”. In vorderster Front der rituellen Selbstgeißelung marschierten die Stuttgarter Oberlehrer von Europas Größter. Gegen deren Denunziantentum kämpfte ich als damaliger Chefredakteur eines neuen Subkulturblattes erfolgreich wie Don Quichotte, und Kollege Oluf Zierl erfand den Gegenspruch „Leis is Scheiß”, den wir sogleich als Aufkleber vertrieben. Eine nicht unerhebliche Zahl „anständiger Motorradfahrer”, Industrielobbyisten und Vereinsmeier wollte damals insbesondere ihn am liebsten im Irrenhaus oder Knast sehen. Doch schon bald verschwand die offizielle Stiefelleckerei unauffällig aus der Werbung, ohne ein offizielles Resumee. Ich behaupte: Nicht eine einzige verdammte Streckensperrung ist durch irgendeine „Ich bück mich am tiefsten, Herr Lehrer”-Aktion verhindert worden! Denn je tiefer man sich bückt, desto leichter wird man in den Arsch gefickt. Ist ja schon rein physisch logisch. Und es gibt in der Weltgeschichte kein einziges Beispiel, bei dem freiwillige Unterwerfung zum Dialog auf Augenhöhe geführt hätte. Dagegen gibt es massenhaft Fälle, in denen eine Hand voll unbeugsamer Rebellen die Mächtigen zumindest zu Zugeständnissen, wenn nicht gar zum Abdanken gezwungen hat. War den Motorradgeschäftigen beim Schlemmen am politischen Buffet gar nicht aufgefallen. Noch 2008 schob der IVM feste nach und forderte in einer bundesweiten Pressemitteilung mehr mobile Kontrollen der Polizei und gab der Hoffnung Ausdruck, die Motorradfahrer würden die „schwarzen Schafe” selbst ausgrenzen. Kombiniert mit einem trotzigen Seitenhieb gegen die längst aus der Laut ist out-Aktion ausgestiegenen Teile der Motorradpresse. Hahaha: Die industriellen Träger des IVM hatten sich bereits selbst ebenfalls dünne gemacht, bloß wollte keiner den Flop zugeben. Nun prahlt der Verein, er kämpfe für „eine selbstbewusste Stellung der Branche in Deutschland”. Ach ja.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an die angeblich unverzichtbare 100 PS-Selbstbeschränkung, die vor diesem Laut ist out-Gemahne zelebriert wurde? Gab’s nur in Deutschland, wo sich seit jeher die Kollegen von der Autoindustrie vehement gegen ein Autobahn-Tempolimit sperren. Politisch nicht durchsetzbar, heißt es dazu lapidar von allen Seiten. Dagegen eilen die angeblichen Vertreter unserer Motorradinteressen in tiefster Gangart gehorsam voraus, kastrierten sich freiwillig in der Leistungsfähigkeit und glaubten, sanft säuselnd besser gehört zu werden. Aus dem einen sind inzwischen 200 Serien-PS erwachsen, aus dem anderen Schalldämpfer-Klappensysteme ab Werk (machen Sportwagenhersteller schon seit Jahren). Denn nun versuchen die gleichen Marketingstrategen mit erbärmlicher Hilflosigkeit, die Jugend wieder fürs Motorrad zu begeistern: „Kommt, Ihr kraftvollen Wilden, wir geben Euch ein Bonbon, wenn Ihr uns brav ins selbst verordnete Reservat folgt.” Man glaubt es kaum. Welcher Kerl mit Saft in den Lenden soll sich denn verknöcherte Heuchler zum Vorbild nehmen, die beim fremden Pupsen die Polizei rufen und gleichzeitig selbst hinterm Prüfsiegel furzen?

Zum Glück für eine lebendige Motorradkultur gibt’s verrückte Free Style-Crosser, tätowierte Customizer im Fernsehen oder Einspurgötter wie Valentino Rossi, der atemberaubende Dynamik zelebriert und sich gleichzeitig den rotzfrechen Auftritt nicht verbieten lässt. Valentino oder auch Jorge Lorenzo nehmen in jeder Saison Strafgelder der FIM in Kauf, um den Fans zu gefallen. Was würde die Motorradindustrie ohne sie machen? Und was plant der deutsche IVM für 2010 als knallharte Aktion? Mit selbst abgesondertem Biogas gefüllte Ballons an Kinder verteilen? Auf jeden Fall kooperiert man mit der Elektronikspielebranche: Motorradfahren nur noch im sicheren Sessel am PC über Kopfhörer – das passt! Am besten gar nicht mehr fahren, dann lieben uns die Menschen, bestimmt. Branchenriese Honda scheut ja schon länger den direkten Kontakt zum Motorradfahrer und versucht seine Marktposition durch stete Erpressung der Motorsportverbände zu sichern. Sein Drängen auf 800 ccm im MotoGP ging jedenfalls nach hinten los: Yamaha sahnt mächtig ab und Winzling Ducati demütigt unbeeindruckt den Goliath. Und ob die neue Moto2-Serie nur mit Honda-Motoren ein Publikumserfolg wird, bleibt abzuwarten. Der jahrelange 250er Überflieger Aprilia ist so zwar rausgeboxt, wetzt aber jetzt bei den Superbikes umso aggressiver die Messer. Dort kommt auch BMW angeflogen. Die S 1000 RR mit serienmäßigen 206 PS auf dem Prüfstand lässt die Gemeinde aufhorchen: rund 30 Haflinger mehr als die Honda Fireblade. Höheres Drehmoment gibt’s vom Krautmotor gratis dazu. Man muss keine Semmelknödel mögen, um da Appetit zu kriegen.
Im Rennsport ist’s also nach den öden 1990ern wieder interessant. Paradoxerweise auch durch neue Klassen mit Elektrofahrzeugen, doch dazu nächstes Mal mehr ...

Vom frisch geschmierten Heizgriff grüßt,